• vom 14.03.2018, 16:45 Uhr

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Musik heißt die Antwort




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Von Andreas Rauschal

  • Der südafrikanische Newcomer Nakhane erweist sich mit seinem neuen Album als großes Talent.

Selbstermächtigung: Sänger Nakhane aus Südafrika.

Selbstermächtigung: Sänger Nakhane aus Südafrika.© Tarryn Hatchett Selbstermächtigung: Sänger Nakhane aus Südafrika.© Tarryn Hatchett

Gerade erst war der Mann wieder mit Todesdrohungen konfrontiert, die sich auf einen schlichten Umstand bezogen: Der 29-jährige Autor, Schauspieler und unter seinem Alias Nakhane jetzt hoffentlich den Durchbruch feiernde Musiker Nakhane Touré ist homosexuell. Das kann in seiner südafrikanischen Heimat im Allgemeinen und vor dem Hintergrund eines Aufwachsens in einer religiösen Gemeinde und seiner Zugehörigkeit zum Volk der Xhosa im Speziellen bereits für sich genommen ein Problem sein.

Information

Nakhane
You Will Not Die
(BMG/ADA)

Ab 16. März im Handel

Zu einer regelrechten Hexenverfolgung kam es aber im Umfeld des im Vorjahr auf dem Sundance Film Festival uraufgeführten Films "Inxeba" ("The Wound"), der eine als xhosaisches Initiationsritual gebräuchliche Beschneidungszeremonie unter heranwachsenden Männern thematisch mit schwulen Begehrlichkeiten verknüpfte. Vor allem in Nakhanes Heimatregion am Ostkap mussten Aufführungen aufgrund von Protesten im Sinne von Ausschreitungen und Vandalismus abgesagt werden.

Universelle Botschaft

Als Autor war Nakhane Touré zuvor bereits mit Kindheitserinnerungen in Form des Romans "Piggy Boy’s Blues" in Erscheinung getreten. Eine musikalische Erstveröffentlichung hatte vom Titel her ("Brave Confusion") noch von der Zerrissenheit zwischen ihm bereits bestens vertrauten Sehnsüchten einerseits und den Schwierigkeiten des (Aus-)Lebens andererseits gekündet.

Mit dem nun auch international erscheinenden neuen Album "You Will Not Die" als dezidiertes Werk über schwule Liebe mit universeller Botschaft macht Nakhane nicht nur einen großen Schritt nach vorn, wenn es um Selbstermächtigung und eine Reaktion auf die Borniertheit geht: Musik heißt die Antwort. Gerne auch um ästhetische Hochglanzvideos ergänzt, liefert er mit elf durch die Bank gewinnenden Songs auch ein künstlerisches Statement.

Nicht zuletzt ein Kunststück gelingt Nakhane dabei: Seine Musik ist der großen Geste nicht abgeneigt, ersetzt plattes Pathos aber durch emotionale Ehrlichkeit - und sie geht ebenso im Sinne einer gewissen möglichen Breitenwirksamkeit ins Ohr, wie sie eher keine Konzessionen an den glatten Mainstream macht und mit eklektischen Einflüssen lieber das Beste vieler Welten vereint. Zwischen schnittigem, aber nie zu flottem Elektropop mit Soul- und R&B-Gesängen, etwas auch mit Hallklavier vermitteltem Rest-Gospel, dezenten Afropop-Beigaben, hübscher Knisterelektronik und elegisch-greinenden bis transzendental-erhebenden Klangwolken aus Streichern und, sagen wir, vielleicht auch auf Orgien im alten Rom vom Zuschnitt der hier auch besungenen Bacchanalien hindeutenden Harfen wird das Fundament gelegt.

Darüber seufzt, raunt und singt Nakhane auch nachdrücklich-bestimmt und besticht mit seinem charismatischen Timbre nicht nur bei gar nicht so seltenen Bergwertungen in Sachen Falsett. Und, das ist das nächste Kunststück, der Mann glänzt im Balladenfach und mit dem Titelstück des Albums als diesbezüglichem Höhepunkt, indem er die Momente der größten Verletzlichkeit angenehmerweise ohne aufgesetzte Melodramatik und Hysterie durchmisst.

Reizvolle Kontraste

Die in einer Remixversion ausgekoppelte Single "Clairvoyant" ("hellseherisch") sorgt auch im Original für tanzbare Liebespein ("Love does not make me clairvoyant / All I know is how to be your servant"), die nicht zuletzt von Nakhanes Wurzeln im Glauben künden dürfte: "So I’m running around on that prairie / Like a gambling lamb / Love I’m terrified / And I look to you . . ."

Und auch das nicht von ungefähr andächtig vorgetragene "Teen Prayer" bietet in Absenz möglicher Hallelujas zum Abschluss eine Beschäftigung mit dem streng katholisch konnotierten Themenfeld Schuld und Sühne: "Oh, boy / White Jesus loves you now / Much more than he’ll ever love me."

Selbst in einem solchen Moment der gefühlten Beklemmung aber strahlt die Musik von Nakhane im reizvollen Kontrast eine gute Portion Feierlichkeit aus. Wir hören eine begnadete Stimme und ein großes Talent.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-14 16:11:47
Letzte Änderung am 2018-03-14 16:25:09



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