• vom 16.03.2018, 17:15 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 16.03.2018, 17:17 Uhr

Pop

Bobos und andere Deppen




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Von Andreas Rauschal

  • Franz Adrian Wenzl und seine Band Kreisky legen ihr fünftes Album vor: "Blitz" besticht durch mehr Direktheit und Pop - und präsentiert erneut Männer beim Scheitern.

Der Blitz schlägt ein: Kreisky um Sänger Franz Adrian Wenzl (rechts). - © Ingo Pertramer

Der Blitz schlägt ein: Kreisky um Sänger Franz Adrian Wenzl (rechts). © Ingo Pertramer

Seit Herbst des Vorjahres ist die Wiener Band Kreisky bekanntlich auch auf der Theaterbühne aktiv. Franz Adrian Wenzl als gerne mit Schaum vor dem Mund keifender und keppelnder Sänger mit Hang zum, Wienerisch gesagt, Gachen ist als Protagonist eines gewöhnlichen Schauspiels namens Rock ’n’ Roll vermutlich auch überqualifiziert dafür, einfach "nur" Songtexte vorzutragen.

Schnörkellos

Abgesehen von einem zweiten Standbein als in dieser Hinsicht eh schon grenzerweiternder Austrofred: Sein Ausfüllen der tragenden Rolle in Sibylle Bergs Stück "Viel gut essen" im Wiener Rabenhof Theater als wutbürgernder Noch-Bobo, ausgebaut um die musikalische Performance seiner Kollegen zu einem künstlerischen "Amoklauf" an der textlich-musikalischen Schnittstelle, dürfte nicht nur das Publikum unterhalten haben. Wie die zehn neuen Stücke Kreiskys auf dem nun vorliegenden fünften Album, "Blitz", in einer Art Wechselwirkung nahelegen, scheint sich auch bei den Musikern selbst der Gefallen daran intensiviert zu haben, den theatralischen Grundgestus noch einmal zu bündeln und ihn schnörkellos zurück ins komprimierte dreiminütige Songformat zu überführen. Hübsch rumpelnd und zicke-zackend hat man es also auch auf "Blitz" wieder mit Stürmen in Wassergläsern zu tun.

Information

Kreisky
Blitz
(Wohnzimmer/Rough Trade)

Kreisky beginnen ihre "Blitz-Tour" am 12. 4. im Grazer PPC und kommen am 19. 4. ins Wiener WUK. Alle Live-Termine und Tickets: www.kreisky.net

Tatsächlich geben sich Kreisky heute direkter als auf dem Vorgängeralbum "Blick auf die Alpen" von 2014 - und entdecken im Spiel ohne Schnickschnack auf den Punkt diesmal auch ihr Verlangen nach Pop. Außer vielleicht im Fall des harmoniearm quengelnden, mit Wut im Bauch auf dem Standplatz rotierenden "Mon General", in dem Kreisky mit spitzer Feder feuchte Boboträume durchlöchern (und diese mit einem Gegenstück in Form schnöder Stangenware kontrastieren), geht es über die Eingemeindung ein, zwei schneidiger Discogrooves und sich durch das Album ziehender knapper Keyboardmotive (und im Falle von "Sudoku" zum Abschluss eines Synthesizer-Arpeggios) zwar gewohnt polternd, dabei aber erstaunlich melodiereich zur Sache. Manchmal schillert es regelrecht - und man weiß, jetzt hat der Blitz eingeschlagen.

Und - kein Artikel über Kreisky ohne das Wort Grant! - auch der alten Übellaunigkeit darf man sich in diesen geballten 35 Spielminuten wieder ausgesetzt sehen. Gleichfalls als mögliche Analogie zu "Viel gut essen" wird man diesbezüglich vor allem Männer beim Scheitern erleben. Gerade der heteronormativ ausgerichtete, auf ein Leben in geordneten Bahnen zwischen Eigentumswohnung mit Balkon, Renault im Carport und Büro mit Zierpflanze gepolte Träger des X- und Y-Chromosoms gilt aktuell ja als großer Verlierer dieser Welt. Kreisky porträtieren, karikieren und filetieren ihn - außer als Stadthedonist mit Erbanteil (wie erwähnt: "Mon General") - auf "Blitz" schon mit Songtiteln wie "Autokauf ist Männersache", "Veteranen der vertanen Chance" oder auch "Ein Depp des 20. Jahrhunderts".

Mit Glockengeläut

Und sie folgen seinen Spuren nach dem Reißaus, der passiert, während sich die Frau in Sachen "Bauch Bein Po" optimieren geht, bis ins Endstadium als Outlaw in der steirischen Pampa. Der dort spielende Desperado-Western "Ich löse mich auf" samt Glockengeläut vom Kirchturm, der seit Ennio Morricone weltberühmten Twang-Gitarre der letzten Tage und einem über der Mur-Mürz-Furche kreisenden Geier mit Gusto auf Aas erneuert den genuin österreichischen Grantrock-Blickwinkel Kreiskys ebenso wie ein Antiidyll aus dem hoamischen Skisport-Mekka: "Saalbach-Hinterglemm" ist ein Musik gewordener Vater-Sohn-Konflikt vor alpiner Kulisse. "Ich danke dem Herrn Vater für den nützlichen Hinweis / und für die Erfahrung in der Gastronomie / Ich danke dem Herrn Vater für vier Wochen ohne Fernsehen / und für die lebenslängliche Landschaft."

Lottoscheine werden verschmissen, Kaugummis verschluckt - und als wäre das nicht genug, muss man am Ende auch noch mitansehen, wie sich die heimlich Angehimmelte an einen anderen ranschmeißt: "Oh nein, die verlieben sich!" Kreisky in ihrem Element. Tolles Album!





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-15 16:29:47
Letzte Änderung am 2018-03-16 17:17:47



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