• vom 23.03.2018, 18:00 Uhr

Pop/Rock/Jazz


Pop

Mein Gott, ein Ofen!




  • Artikel
  • Lesenswert (6)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Andreas Rauschal

  • Rapper Snoop Doggs nächste bizarre Karrierewandlung mit dem Gospelalbum "Bible Of Love".

Rapper Snoop Dogg kurz vor seiner Phase der "Christianisierung".

Rapper Snoop Dogg kurz vor seiner Phase der "Christianisierung".© WireImage/Harmony Gerber Rapper Snoop Dogg kurz vor seiner Phase der "Christianisierung".© WireImage/Harmony Gerber

Vollkommen ausgeschlossen werden kann es natürlich nicht, dass dieses Album mit Bewährungsauflagen in Verbindung steht oder im Rahmen eines außergerichtlichen Tatausgleichs wegen irgendeiner saublöden Sache mit Schusswaffen, Prostituierten oder illegalen Substanzen eingespielt wurde. Snoop Dogg selbst jedenfalls führt die tiefe gesellschaftliche Spaltung seines US-amerikanischen Heimatlandes und die dadurch nötige Hinwendung zu Liebe und einem Kampf für die Gemeinschaftlichkeit als Hauptantriebsgrund für seine jüngste Arbeit ins Feld.

Realität von der Straße

Information

Snoop Dogg
Snoop Dogg presents Bible Of Love
(Sony Music)

Das ist für sich genommen relativ seltsam bei jemandem, der seine Karriere als Gangsta-Rapper mit rauchendem Colt in der Hose und entsprechend sexistischen Inhalten begann, um sich anschließend mit Hardcore-Content für die Pornofilmbranche zu engagieren und in den frühen Nullerjahren endgültig einen Imagewechsel zum, auf Wienerisch gesagt, Gürtel-Strizzi zu vollziehen.

Laut dem 1971 als Calvin Cordozar Broadus Jr. geborenen Rapper handelte es sich dabei aber natürlich eh weniger um ein Image als vielmehr um eine weitere beinharte Realität von der Straße. Womöglich waren auch nur die Albumverkäufe temporär so sehr in den Keller gefallen, dass der Notgroschen zur Aufrechterhaltung des bisherigen Lebensstils (was das alles kostet!) über die Zuhälterei sichergestellt werden musste. Kunst ist okay, aber manchmal braucht es zusätzlich auch einen ordentlichen Beruf.

Nach einem Karriere-Revival unter kräftiger Mithilfe des "Happy"-Mannes Pharrell Williams mit dem Party-Hit "Drop It Like It’s Hot" im Jahr 2004 kam Snoop Dogg einem nicht grundsätzlich sehr gut mit ihm vertrauten größeren Publikum im Folgejahrzehnt vielleicht noch einmal unter. Da allerdings unter seinem Reggae-Alias Snoop Lion, unter dem er von da an auftreten wollte - motiviert etwa durch die Tatsache, als auch als Marihuana-Konsument einen harten Fall darstellender Genussmensch hier seinem liebsten Hobby noch authentischer frönen zu können. Seine künstlerische Neuerfindung im gewohnt benebelten Zustand als Wiedergeburt Bob Marleys mit dem Jamaika-Album "Reincarnated" im Jahr 2013 war dann aber auch wieder nur so eine Phase. Bemühen wir einen landwirtschaftlichen Vergleich: Wo eine Kuh gemolken werden will, steht Snoop Dogg verlässlich bereit.

Vor diesem Hintergrund - und nur vor diesem Hintergrund - passt auch seine neueste bizarre (Karriere-)Wandlung im Zeichen der Christianisierung mit dem Gospel-Album "Snoop Dogg presents Bible Of Love" gut ins Bild. Und auch das ist stimmig: Snoop Dogg als fauler Hund mit knappen Gelegenheitsauftritten in Momenten eingestreuter Brückenschläge in Richtung Hip-Hop und R&B (scheinbares Arbeitsmotto: Du sollst nicht rappen!) überlässt die Bühne im Rahmen dieses Doppelalbums mit einer nicht zu überstehenden Spieldauer von zwei Stunden und 15 Minuten weitgehend Gästen wie Pastoren und weiteren Gospel-Aposteln, die im Falle der vor allem für schwere homophobe Ausfälle bekannten Sängerin Kim Burrell durchwegs auf einer Wellenlänge mit ihm liegen. Ganz im Sinne einer vom Bible Belt inspirierten Glaubensauslegung bedeutet das nichts weniger als Hardcore einmal anders.

Missionierungstexte

Rund um einschlägige Songtitel wie "Thank You Lord", "In The Name Of Jesus", "Saved" oder "Praise Him" ist das Album auch künstlerisch eine erzkonservative Sache. Wir hören schmirgelnde Südstaatenorgeln und reichlich Gospelklavier, bei völligem Mangel an den Kerninhalten Snoop Doggs (oder deren Verdrehung ins Gegenteil) ergänzt um ergriffen zersungene Missionierungstexte, die so überzeugt vorgetragen werden, wie sie Snoop Dogg nur halt trotzdem keine Sekunde lang ernst nehmen wird.

Doppelte Böden gibt es nicht. Auch wenn man schwer in Versuchung gerät, als Grundlage für das (besungene) Erweckungsereignis des Rappers eine einfache Erklärung zu finden: "Out the corner of my eye, saw a little light / Flickerin‘ like a flame in the darkest night" - mein Gott, das war doch nur ein Ofen!





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-22 17:05:53
Letzte Änderung am 2018-03-22 17:09:11



Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Sex mit Zeus
  2. Red-Bull-Media expandiert
  3. Versprochene Paradiese und tatsächliche Höllenfahrten
  4. Was ist "das Leitkultur"?
  5. Die Tiefe des Meeres im Krieg
Meistkommentiert
  1. Lang lebe Europa!
  2. Rene Benko steigt bei "Krone" und "Kurier" ein
  3. Kritik an finnischem Rechts-Metal-Konzert in Wiener Club
  4. Venus, Warhol oder Papagei
  5. Weißes Haus verteidigt sich mit Fake-Video


Quiz


Neo-Viennale-Chefin Eva Sangiorgi (links) mit der Regisseurin des Eröffnungsfilms Alice Rohrwacher

Sozialdemokratische Kundgebung für das Frauenwahlrecht, Wien-Ottakring, 1913 "Der Bauerntanz", entstanden um 1568.

Ignaz Kirchner als "Samiel", 2007, während der Fotoprobe von "Der Freischuetz" in Salzburg.  Das Tutu ist das Spezifikum der Ballerina, die elfengleich über die Bühne schwebt.


Werbung