• vom 27.03.2018, 12:00 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 27.03.2018, 12:02 Uhr

Pop

Na der hat Ideen!




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Von Andreas Rauschal

  • Jack White setzt auf seinem neuen Soloalbum auf Experimente. Das ist mitunter mühsam.

Seltsamkeiten in Hülle und Fülle: Jack White.

Seltsamkeiten in Hülle und Fülle: Jack White.© David James Swanson Seltsamkeiten in Hülle und Fülle: Jack White.© David James Swanson

Eigentlich ist der Mann vor allem als Traditionalist bekannt. Trotz einer gewissen Neudeutung der guten alten Bluesrockformel unter Miteinbeziehung seinerzeit in den Nullerjahren auch nicht mehr ganz taufrischer Elemente aus Punk und Garagenrock schon bei seinem Durchbruch im Geschäft mit dem Mann-Frau-Duo The White Stripes, kam das nicht zuletzt im Solowerk voll zur Geltung.

Information

Jack White
Boarding House Reach
(XL Recordings/Indigo)

Auf den zwei bisher erschienen Alben "Blunderbuss" (2012) und "Lazaretto" (2014) setzte es von Jack White abseits des gewohnt Rockenden verstärkt auch Sperrstundenwalzer für Country-Kaschemmen und Hinterlandfolk mit glasigen Augen. Als Herr seines "Third Man"-Imperiums, das neben einem strikt analogen Aufnahmestudio auch ein angeschlossenes Label samt Vinylpresswerk und Umwegrentabilität in Form von Konzertvenues inkludiert, ist der Mann vielleicht auch nicht gänzlich von ungefähr von Detroit ins bodenständigere Nashville übersiedelt.

Im Land des "Howdy!"

Dort im schönen Tennessee gibt es neben von der EU laut Jean-Claude Juncker vielleicht noch zu boykottierenden Produkten wie Bourbon Whiskey und Blue Jeans außer rauchende Schießgewehre, wahre Werte oder echte Männer auf weißen Pferden mit Hunger auf blutige Steaks auch Musik, die beinahe immer tief im Bewährten wurzelt und jährlich etwa bei den Grammy-Awards zu einem vermehrten Auftreten von Cowboyhüten führt, unter denen die Sätze zwischen Kukidentlächeln und Kaugummislang gerne mit "Howdy!" beginnen.

Gerade erst dieser Tage hat Jack White medial außerdem mit der Aussage für Aufruhr gesorgt, auf seiner kommenden Welttour bei sämtlichen Konzerten ein Smartphone-Verbot einführen zu wollen. Die Privatleben-Büro-Schnittstelle in der Hose würde nur von der Musik ablenken und die Kommunikation des Künstlers mit den Fans unterbinden. Das mag zwar stimmen. Allerdings darf stark bezweifelt werden, dass es White gelingen wird, die Zeit auch außerhalb der Schutzzone Studio und abgesehen von künstlerischen Elementen stillstehen zu lassen oder sie gar zurückzudrehen.

Das nun vorliegende dritte Soloalbum des heute 42-Jährigen mag nun sogar unter Mithilfe neuer Kollaborationspartner entstanden sein und deren Neigung zu einem digitalen Gottseibeiuns in Gestalt von Aufnahmesoftware auch mit Synthesizern (!) und ein, zwei elektronischen Drumsounds hörbar machen, wie man sie im zeitgenössischen Hip-Hop vorfinden könnte. Trotzdem ist die Spieldreiviertelstunde von "Boarding House Reach" weniger als Modernisierungsschub als vielmehr als die Hinwendung Jack Whites zum Experiment zu verstehen.

Zwischen Bluesrock-Jams mit Funk-Betonung und Stevie-Wonder-Zitat, mit Bongo-Getrommel abgerundetem Voodoo-Soul, kräftigen weiblichen Gospelchören und Songs im Dreivierteltakt, mit denen es dann eh wieder in die Countrybar geht, bekommt man es neben synthetischen Klangflächen oder eingestreuten hörspielhaften Elementen vor allem mit der hektischen Abfolge angerissener Ideen und Umbrüche im Stop-and-go-Modus sowie mit einer Lawine an nervigen Sounds zu tun. Stellvertretend dafür sei etwa ein der als Misophonie bekannten reduzierten Geräuschtoleranz geschuldetes Stück mit dem konsequenten Titel "Hypermisophoniac" genannt, das der Hörerschaft mit fiepsenden und piepsenden Sounds aus eventuell der Notfallchirurgie entliehenen Apparaturen schwer an und auf die Nerven geht.

Anderswo errichtet Jack White einen Beat um das gesampelte Durchwahlgeräusch eines alten Standtelefons mit Wählscheibe und Kabel. Das war übrigens eine schlaue Erfindung. Man konnte es nicht zu Konzerten mitbringen.

Songtext von Al Capone

Stromlinienförmigeres bieten die Singles "Connected By Love", das einer gewissen kirchlichen Lesbarkeit zum Trotz Jack Whites Kniefall vor der Damenwelt darstellt, oder das auf einem Riff aus der Led-Zeppelin-Schule basierende "Over And Over And Over". Bei diesem ging White dann offenbar doch noch der Knopf auf, nachdem Aufnahmeversuche des Songs sowohl mit den White Stripes, seinem Projekt The Raconteurs oder auch im Rahmen einer Zusammenarbeit mit Rapper Jay-Z zuvor gescheitert waren.

Zum Abschluss verknüpft "Humoresque" dann noch einen angeblich im Vorjahr von Jack White ersteigerten Text des US-Mobsters Al Capone mit einer Melodie des Komponisten Antonín Dvořák. Seltsame Ideen bietet das Album also in Hülle und Fülle. Befriedigt oder richtig gut unterhalten fühlt man sich am Ende allerdings trotzdem nicht.





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Dokument erstellt am 2018-03-27 11:53:57
Letzte Änderung am 2018-03-27 12:02:36



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