• vom 30.03.2018, 18:00 Uhr

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Sehnsucht und Männertrotz




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Von Andreas Rauschal

  • Die heimische Band Viech um Sänger Paul Plut veröffentlicht ihr drittes Album.

Abgespeckt auf ein Trio: Paul Plut (Mitte) und seine Band Viech. - © Gerfried Guggi

Abgespeckt auf ein Trio: Paul Plut (Mitte) und seine Band Viech. © Gerfried Guggi

Paul Plut scheint nicht nur ein Mann zu sein, der gerne auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig tanzt. Man darf sich den 1988 in Schladming geborenen Musiker mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auch als jemanden vorstellen, der (scheinbaren) Widersprüchen etwas abgewinnt - und auch den künstlerischen Bruch eindeutig bevorzugt.

Information

Viech
Heute Nacht nach Budapest
(Phonotron/Hoanzl)

Live am 13. April in der Wiener Sargfabrik.
Alle Live-Termine: http://viech.org/

Immerhin spielt der in der Ramsau aufgewachsene Wahlwiener roh-rauen, ordentlich krawummsenden und sehr gerne mit heiserer Whiskey-Stimme vorgetragenen Punkblues aus der Garage ausgerechnet mit einer Band, die sich den nicht unbedingt nach Rock ’n’ Roll klingenden Namen Marta gegeben hat. Mit einem zweiten und auf dem Papier viel eher erhöhte Räudigkeit, wenig Schlaf und neben schlechter Laune zum Beispiel auch sehr viel Testosteron verheißenden Standbein namens Viech wiederum wurde bisher dann aber eh eingängiger und nicht selten euphorisch-aufgeweckter Indie-Pop mit deutschen Texten geboten, der als Gefälligkeitsangebot für ein mögliches größeres Publikum daherkam, den Grundentwurf glücklicherweise aber auch mit verspielt-eigentümlichen Elementen durchkreuzte.

Auseinandergehen ist schwer

Gegen Ende des Vorjahres dann das Meisterstück: Paul Plut gab auf seinem Solodebüt mit dem Titel "Lieder vom Tanzen und Sterben" vom Blick auf das Dachsteinmassiv inspirierten Gebirgsgospel zwischen Dialektgesang und einem auch über die Beigabe von Grubenblues, Staubwüstenfolk und Twang-Gitarren verströmten Gefühl der weiten amerikanischen Weite.

Und er sang als Geschichtenerzähler mit Forschungsschwerpunkt Leben und Tod über die Themen Leben und Tod - mit Betonung auf Tod. Die Kunst, sich auf das letzte verbliebene Tabu unserer Gesellschaft, die letzten Dinge, einzulassen, dargebracht als One-Man-Show. Diese setzte - stellvertretend auch für die Hörerschaft - auf Überwindung, anstatt zu verzweifeln.

Hörbar haben Paul Pluts "Lieder vom Tanzen und Sterben" nun auch auf das kommende Woche erscheinende dritte Studioalbum seiner Band Viech etwas abgefärbt. Personell abgespeckt auf ein Trio-Format, das neben Plut an Mikrofon und Gitarre auch seinen Songwriting-Kollegen Christoph Lederhilger am Schlagzeug und Martina Stranger am Bass inkludiert, werden Elemente wie Tempo, Elektronik und Euphorie darauf zurückgefahren oder abgeschafft und gegen einen trocken-reduzierten Bandsound unter besonderer Berücksichtigung von Gitarren aus der erwähnten Staubwüsten-Region ausgetauscht.

Getreu ihrer Single "Steuermann" von 2013 gibt es dazu ein wenig wettergegerbten Seemannsgesang, der gut zur Tatsache passt, dass die Band heute stilistisch auch bei den Kollegen von Element Of Crime andockt, und entlang der Pole "Auseinandergehen ist schwer" und "Zueinanderfinden gleichfalls sehr" humorvolle Schlaglichter auf Beziehungsprobleme. Das zeitigt heute nicht nur trotzige Männerreaktionen wie "Für dich zieh ich sicher keine schönen Schuhe mehr an!". Es erinnert auch wohlig daran, dass die Band bereits in ihren Anfangstagen launig gute Titel wie "Mit dir möchte ich baden gehen, doch ich seh uns noch lang nicht im Urlaub" im Angebot hatte.

Neben weiteren kleineren Schlaglichtern auf Schelme und Schlawiner, ansonsten aber ohne übergeordnetes Narrativ, ist auf "Heute Nacht nach Budapest" nicht zuletzt auch eine Art Sehnsucht spürbar, die zu schönen Eröffnungszeilen wie "Schlaf ein mit deiner Idee von mir" führt oder sich im generellen Verlangen nach Weltflucht auf Destinationen bezieht, die dem Klischee zufolge nicht die Nummereins-Adressen dafür sind. Sie liegen außer in Ungarn in Serbien und sind uns vor allem als Gebiete bekannt, in denen Christian Wehrschütz in die Arbeit geht.

Eine hübsche Leonard-Cohen-Paraphrase ("I did my best / It wasn’t much") in Reimform gelingt Viech mit "Jeder tut halt, was er kann / Was nicht viel ist in meinem Fall". Inhaltlich muss man der Band hier - wie auch im Fall der Single "Ich hab viele Fehler gemacht" - allerdings widersprechen: Künstlerische Fehltritte wird man auf "Heute Nacht nach Budapest" eher nicht finden.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-30 14:57:06
Letzte Änderung am 2018-03-30 15:59:42



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