• vom 08.04.2018, 11:10 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 08.04.2018, 11:14 Uhr

Konzertkritik

Wir sind jetzt per Schatzi




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Von Andreas Rauschal

  • Die Wiener Band Wanda gastierte in der seit Monaten ausverkauften Wiener Stadthalle.

Marco Michael Wanda, Sänger der Wiener Band Wanda, bei einem weiteren schweißtreibenden Arbeitseinsatz vor Konzertpublikum.

Marco Michael Wanda, Sänger der Wiener Band Wanda, bei einem weiteren schweißtreibenden Arbeitseinsatz vor Konzertpublikum.© APA/Herbert Pfarrhofer Marco Michael Wanda, Sänger der Wiener Band Wanda, bei einem weiteren schweißtreibenden Arbeitseinsatz vor Konzertpublikum.© APA/Herbert Pfarrhofer

Den Auftakt macht der Nino aus Wien. Das passt allein schon deshalb gut, weil der Mann mit dem T-Shirt einer amerikanischen Industrie-Whiskey-Brennerei erklärt, dass es heute neben Amore auch um, tschecheri, tschechera, die Sehnsucht nach Produkten der Destilleriezunft gehen wird, und mit seiner raunzerten Leistungsverweigererstimme gleich das Lied über "Leberkas und Dosnfisch, dazua vielleicht a Gösserbier" im "Wurstlproda in da Nocht" anstimmt.

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Außerdem geht es heute außer um Lokale immer auch um das Lokale - und um das entsprechende Kolorit. Der Nino holt für eine Hymne auf Boxlegende Hans Orsolics nicht von ungefähr seinen Haberer Voodoo Jürgens auf die Bühne. Und er erinnert mit "Du Oasch" von 2009 an die Initialzündung dessen, warum wir heute anwesend sind: die Entschuldung und das Wiederaufflammen des Austropop zwischen Vorstadtschlager, Lederjacken-Rock 'n' Roll und Amore-Motore-Einedrahrarei als Evergreen aus der Jukebox durch die Wiener Band Wanda.

Mit Krächzstimme

Die hat - und das ist für einen österreichischen Act, der nicht Hansi Hinterseer heißt, tatsächlich sensationell - bereits zum zweiten Mal in ihrer kurzen bisherigen Karriere (Gründung: 2012, Debüt, Durchbruch und Eroberung der Welt in Form der D-A-CH-Region: 2014) die Wiener Stadthalle ausverkauft und präsentiert sich dort am Samstag von Anfang an bestens trainiert. Immerhin kommen Wanda gerade aus Deutschland zurück, wo sie das Klischee vom verlotterten Wiener lieben, der fetter ist wiara Heisltschick oder ein bochana Leberkas - und außerdem mit selbstmitleidiger Georg-Friedrich-Stimme so lustig ins Bier weinen kann, wenn er seine Corvette gegen die Hausmauer geparkt hat. Auch hier - "Wem heut net schlecht is . . ." - stehen Wanda in bester Austropop-Tradition. Die weckt zwischen Bremerhaven und dem Ruhrpott wohlige Erinnerungen an alte bsoffene Gschichten beim Skifoan im schönen Tirolerland mit Wolfgang Ambros im Ohr.

Wie sich das alles ausgeht, ist zwar nicht ganz klar, jedenfalls animiert Sänger Marco Michael Wanda mit seiner nach täglich schwerer Schinderei und zunehmend einer Rolle Schmirgelpapier im Rachen klingenden Krächzstimme gleich zum Auftakt mit seiner Hitmaschine, die den Viererziegel "Bologna", "Luzia", "Auseinandergehen ist schwer" und "Schickt mir die Post" anstimmt, 15.000 Menschen zum gemeinsamen Karaoke. Erleichternd dafür sind sicherlich die bei Wanda eher schlichten, herrlich an der Grenze zum Schreib-Tachinieren effizienten Texte mit einfacher Botschaft: "1, 2, 3, 4 - es ist so schön bei dir." Dazu die bevorzugt simplen Refrains, die sehr schwer zu schreiben sind, obwohl sie Wanda natürlich leicht von der Hand gehen.

Frauen namens Baby

Apropos Hand: Marco Michael Wanda hat sich eine davon gebrochen (angeblich stand Würfelpoker in Verbindung damit) und muss das Freibier jetzt mit dem Gipsverband ins Publikum schmeißen. Spätestens an dieser Stelle im Konzert ist die Stadthalle aber sowieso längst zur Donauinsel geworden - und der Umgang des Sängers mit dem Publikum als leutselig bis jovial zu beschreiben. Wenn der Mann nicht gerade wegen übertriebener Selfie-Aktivitäten seiner Fans den Jack White geben muss - "Schmeißt’s die scheiß Handys weg, Oida!!" -, ist er heute konsequent per Schatzi mit uns. Schatzi, das ist in den Wanda-Texten meistens eine Frau namens Baby, die in Wirklichkeit Gerti heißt. Aber warum die Sache unnötig komplizieren?

Auch die schon auf den Alben Wandas nicht übertrieben auf Feinheiten gepolten Songs werden im Soundbrei der Stadthalle ja noch einmal zusätzlich aller Nuancen beraubt - selbst wenn sich gegen Ende eine für die Kulturtechnik des Rock 'n' Roll fremdartige Streicherabordnung in venezianischen Karnevalsmasken auf die Bühne verirrt (Hochkultur, Oida!) oder Wanda zwischendurch mit "Ein letztes Wienerlied" oder "Ich sterbe" und ihrem Sänger als Overacter aus dem volksnahen Theater einmal aus der bewährten Hitschneise ausscheren sollten.

Spätestens bei den Zugaben kocht die Stimmung dann aber eh wieder. Und es dampft in der Stadthalle auch wegen des auf und vor der Bühne ignorierten Rauchverbots wie sonst nur in den letzten verbliebenen Bauchstichhütten der Stadt in olfaktorischer Harmonie mit Lederjackenschweiß und seidelnden Bierlatschen. Zum Glück ist morgen Sonntag ("Heute gehen wir gar nicht raus / Wir bleiben im Pyjama z’haus") - und außer Columbo-Schauen im ORF gibt es keine Verpflichtung.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2018-04-08 10:54:03
Letzte Änderung am 2018-04-08 11:14:59




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