• vom 14.04.2018, 08:00 Uhr

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Im vertrauten Hafen




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Von Bruno Jaschke

  • Mark Oliver Everett kleidet auf "The Deconstruction", dem neuen Album seiner Band Eels, gewohnte Inhalte in einen philosophischen Rahmen.

Hang zur Selbstüberhöhung: Eels-Mastermind Mark Oliver Everett alias E. - © Gus Black

Hang zur Selbstüberhöhung: Eels-Mastermind Mark Oliver Everett alias E. © Gus Black

Im öffentlichen US-amerikanischen Radiosender NPR erzählte Mark Oliver Everett, dass die Platte, der er den wesentlichen Impuls zum Musikmachen verdankt, "John Lennon/Plastic Ono Band" von 1970 gewesen ist: Mit zehn Jahren hörte der heute 55-Jährige das Werk und war ihm verfallen. Dieser Prototyp der popmusikalischen Lebensbeichte und Selbstoffenbarung prägte Everetts Einstellung zum Songschreiben, dass es ganz normal sei, sich in den Texten selbst zu exponieren.

Katastrophenbiografie

Information

Eels
The Deconstruction
(E-Works/PIAS)

Live in Österreich gastieren die Eels am 16. Juli in Feldkirch im Rahmen des Poolbar Festivals und am 17. Juli am Open-air-Areal der Wiener Arena.

Nichts anderes macht E, wie sich Everett als Künstler nennt, seit mehr als zweieinhalb Jahrzehnten: Mit rauer Stimme erzählt er auf den Platten seines Bandprojekts Eels von sich, seiner Kindheit und Jugend, seinen Traumata und seiner Lebenshaltung, deren Widerständigkeit er gerne und ohne falsche Bescheidenheit heraushebt: Dass er sich nicht um die Regeln der Herdenmenschen mit ihren kleinen Hirnen in ihren kleinen Köpfen schere. Von gescheiterten Beziehungen und ihrer oft reuevollen Reflexion. Von neuen Liebschaften, die beim nächsten oder übernächsten Album schon wieder Geschichte sein und weitere Beziehungsdramen inspirieren werden, und so weiter ad infinitum.

Klar ist natürlich, dass E eine beispiellose familiäre Katastrophenbiografie als Rucksack zu schultern hat. Seinen Vater, den Quantenphysiker, CIA-Mitarbeiter und Erfinder Hugh Everett III, fand er tot im Bett vor. Der Versuch, ihn wachzurütteln, war der einzige physische Kontakt, den er je mit ihm hatte. Seine geliebte Schwester Elizabeth, die an Schizophrenie und Depressionen litt, beging Selbstmord, seine Mutter fiel dem Krebs zum Opfer. Seine Cousine, die letzte verbliebene Verwandte, starb in dem Flugzeug, das am 11. September 2001 in das Pentagon gesteuert wurde.

Unfreundliche Reaktionen auf die ersten musikalischen Gehversuche, viel Einsamkeit und nervende, teilweise entwürdigende Brotjobs zu Beginn seiner Karriere waren auch nicht angetan, dem jungen Mann aus Virginia, der Ende der 80er Jahre nach Los Angeles übersiedelte, eine positive Weltsicht zu vermitteln.

"Woke up lost / In a world I didn’t know / I shook it off and I’m trying to make a go". So beschreibt E in der ihm eigenen lakonischen Trockenheit - seinem größten Trumpf als Textautor - seinen dornigen Lebensweg. Und der hat großartige Eels-Alben von beeindruckender musikalischer Reichweite gezeitigt: Das harsche, zerrissene "Electro-Shock Blues" (1998), in dessen Titel bereits treffend die Musik charakterisiert ist.

Das folkige, mit einem Anhauch von Jazz versetzte "Daisies Of The Galaxy" (2000), Everetts schönste Songwriter-Platte. "Blinking Lights And Other Revelations" (2005), die Wundertüte, die alles hat: Pop, Rock, Jazz, Folk und sogar etwas konzertante Grandezza - die wiederum auf dem bisher letzten Eels-Album, "The Cautionary Tales Of Mark Oliver Everett", prominenter in Szene gesetzt wurde.

Beschwingter Ausreißer

"The Deconstruction", das neue Studioalbum der Eels, variiert indes weniger die Musik als dass es um die gewohnten Inhalte eine einigermaßen kühne philosophische Rahmung legt: Neues entsteht, wenn man zerbröselt. So sagt es der rhythmisch elegant gebrochene, von Streichern und Holzbläsern interpunktierte Titelsong, der das Album eröffnet.

Im nachfolgenden "Bone Dry" träumt ein Mann, seiner Geliebten, die ihn im wahrsten Wortsinn bis aufs Blut ausgesaugt hat, in Form eines rosaroten Sonnenuntergangs zu erscheinen. Dann ist es leider aus mit der Verwandlung. "Today Is The Day" - in seiner beschwingt-poppigen Gangart eher ein Ausreißer unter den meist gedämpften Stücken - beschwört den Aufbruch Richtung Unbekannt, aber schließlich wird doch wieder der zwar nicht sichere, aber doch vertraute Hafen der Liebe angesteuert.

Auch Everetts Hang zur Selbstüberhöhung am Rand des Abgrunds bekommt in "Rusty Pipes" sein lauschiges Plätzchen. Nicht wirklich viel Neues also unter der pinkfarben untergehenden Sonne, aber mit den Eels ist es wie mit ausgelatschten Stiefeln: Man kann sie kaum mehr (er-)tragen, aber trennen möchte man sich auch nicht von ihnen.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-12 16:45:10
Letzte Änderung am 2018-04-12 17:25:51



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