• vom 13.04.2018, 08:00 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 13.04.2018, 10:00 Uhr

Pop

So viel Ordnung muss sein




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Von Andreas Rauschal

  • Auf den Konzertbühnen des Heimatplaneten gibt sie täglich den Takt vor: Gedanken zur Setlist.

Struktur für den Musikeralltag: Ein Schummelzettel namens Setlist. - © Getty Images/Carrie Davenport

Struktur für den Musikeralltag: Ein Schummelzettel namens Setlist. © Getty Images/Carrie Davenport

Listen gibt es im täglichen Wirkungsgebiet des Menschen in im Grunde jedem Bereich. Mit der Einkaufsliste als unangefochtener Numero uno im Fachgebiet Ordnung erleichtern sie den Überblick über To-dos und garantieren ihr erfolgreiches Abhaken, das im Regelfall eher ein Durchstreichen ist: 1. Eier 2. Butter 3. Milch. / Zähneputzen. Duschen. Anziehen. Arbeit.

Listen dokumentieren auszuliefernde Waren, registrieren das Individuum als zählbare Masse, kreieren Big Data aus jedem möglichen Unsinn und werden vor allem für einen Vorteil gerühmt: Sie bringen zumindest etwas Sicherheit in eine Welt, die nicht nur sehr kompliziert ist, sondern täglich im Wahnsinn versinkt.

Die Liste ist die Waffe des Kleinbürgers gegen das Chaos, und sie zeigt dem Erinnerungszentrum im Gehirn, was man unter menschlichem Makel versteht. Das Erinnerungsvermögen ist auch abseits von Alzheimer und Demenz die eigentliche Achillesferse des Homo sapiens. Die Liste als Heilmittel allerdings gewährleistet auf dem Papier, dass alles trotzdem so wird, wie es werden soll. Okay, eigentlich ist die Liste eine Sache für Spießer, die wir aber eh immer auch selber sind.

Vor diesem Hintergrund durchaus erstaunlich, kommt gerade der verlotterte Rock ’n’ Roll nicht ohne Listen aus. Spätestens seit Nick Hornbys im Jahr 1995 erschienenem Roman "High Fidelity" ist die heute auch mit Polls und Rankings florierende Liste popkulturell sowieso legitimiert. Womöglich muss der Tourmanager zwar jeden Morgen aufs Neue alle Bandmitglieder aus den
Betten und Bars von Städten zusammenklauben, bezüglich deren Namen schon wieder die Erinnerung streikt. Jeden Abend allerdings gilt eines in so gut wie allen Fällen als fix: Die Setlist gibt den Takt auf der Bühne vor. Sie informiert über den Ablauf der zu spielenden Songs und glücklicherweise auch über den Ort des Auftritts (in Wien beispielsweise ungern gehört: "We love you, Berlin!").

Kahl bis Krixikraxi

So viel Ordnung muss sein: Die Setlist ist der Entwurf, das Modell, die Rohzeichnung und der Bauplan des Konzertablaufs. Sie liefert den Überblick. Überblick bedeutet Sicherheit und Orientierung, selbst wenn man aus Gründen der musikalischen Ekstase außer sich sein sollte oder andere Dinge schuld daran sind, dass man gerade wieder einmal neben sich steht.

Grundsätzliche, philosophische und auch ein klein wenig sexuelle Überlegungen zur Setlist als solcher. 1. Kommt man schnell zum Höhepunkt, um nach einer Phase zwischen Standgas und Handbremse später einen zweiten Durchgang zu wagen? 2. Setzt man außer auf den Höhepunkt nur auf den Höhepunkt? 3. Sammelt man seine Energien tantrisch, um erst final zur Detonation zu gelangen? Oder verweigert man sich 4. gar der Erwartungshaltung des Gegenübers, um strikt das Programm zu fahren, auf das man selbst Lust hat?




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-12 16:54:10
Letzte Änderung am 2018-04-13 10:00:10



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