• vom 22.04.2018, 10:00 Uhr

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Von Bruno Jaschke

  • Ein Boxset vereint die Original-LPs und eine Kompilation von John Maus mit dessen neuem Album "Addendum".

Schlägt gerne Haken: US-Musiker John Maus.

Schlägt gerne Haken: US-Musiker John Maus.© Shawn Brackbill Schlägt gerne Haken: US-Musiker John Maus.© Shawn Brackbill

Seit John Maus mit dem Album "We Have To Become The Pitiless Censors Of Ourselves" im Jahr 2011 vom Geheimtipp zum Darling der Trendies mutiert ist, stellt er Kritiker vor irgendwie leicht unangenehme Fragen: Bin ich auf einen billigen Hype hineingefallen? Wäre solche Musik ohne schlaue Analysen sich maßgeblich gerierender Meinungsmacher nicht genauso ärmlich wie viele Artefakte der Bildenden Kunst ohne ihre Aufladung durch kapriziöse Essays, die in inflationärer Abundanz Baudrillard, Derrida, Foucault und Co zitieren? Ist Retro chic, weil "Spex" es sagt?

Information

John Maus
John Maus Boxset
(Domino Records)

Es gibt eine glänzende Gelegenheit, solche Skrupel einer umfassenden Prüfung zu unterziehen: In einem unbetitelten 6-LP-Vinylset werden alle bisherigen fünf Alben des 38-jährigen, als intellektuell bekannten/verschrienen Sängers und Songschreibers John Maus mit dem neuen Album "Addendum" zusammengepackt. Was nicht erfasst ist, ist Maus’ erste, auf eigenem Label veröffentlichte LP "Love Letters From Hell" aus dem Jahr 2000.

Kürzelsprache

Der dokumentarische Schaden ist allerdings vergleichsweise gering, denn zum einen unterscheidet sich dieses Album nicht dramatisch von den ersten Veröffentlichungen, die Maus auf industriellem Weg via Label (Upset The Rhythm, in London ansässig) in Umlauf brachte. Zum anderen sind Teile davon auf eben diesen ersten regulären LPs evakuiert, so zum Beispiel "Cowgirl", das auf dem offiziellen Debüt "Songs" von 2006 als "I’m Only Human" firmiert. Von den "historischen" Lektionen im Boxset ist "Songs" die interessanteste, weil Maus auf diesem Werk dem elektronischen Klangkörper mit einer feierlichen Kirchenorgel hier und einem verspielten Rokoko-Piano da noch gewisse sakrale und klassizistische Formen einverleibt.

Auch seine Texte bekommen hier noch etwas Raum, wiewohl sich die Tendenz zur Slogan- und Kürzelsprache - die fraglos imstande ist, ungemütliche Gedanken über zwischenmenschliche Beziehungen sowohl auf intimer als auch auf gesellschaftlicher Ebene wachzurufen - bereits deutlich abzeichnet. In "Don’t Be A Body" hantelt sich Maus vom Wort "Sex" zu einer stammelnden Assoziationskette, die ihren provokativen Appeal erst durch die darauf projizierten Motive bekommt: "Sex with car / Sex with movie star / Sex with Ringo Starr".

Mit dem Album "Love Is Real" von 2007 landet Maus bei jener Mischung aus Synthie-Pop, den frühen 80er Jahren, Gothic und dem, was am deutlichsten seine Identität ausmacht: bei der tiefen Stimme, die gerne einmal Worte vernuschelt, dann wieder unheilvoll grollt oder in angsterfüllter Agonie wimmert. Der Rest - das besagte "We Have To Become The Pitiless Censors Of Ourselves" und das im Vorjahr erschienene "Screen Memories" - ist mehr oder weniger Geschichte, ergänzt um die Kompilation "A Collection Of Rarities And Previously Unreleased Material", die mit riesigen Songs wie dem alarmierenden "Castles In The Grave" oder dem besonders wortkargen, gleich-wohl an Deutlichkeit nichts vermissen lassenden "My Hatred Is Magnificent" in der Box zu Recht einen gleichwertigen Platz neben den regulären LPs einnimmt.

"Addendum", das neue Album, das als CD erst im Mai herauskommen wird, ist im Zuge der Arbeiten zu "Screen Memories" entstanden. Es überrascht daher, dass die beiden Arbeiten sich doch einigermaßen unterscheiden.

Dominanter Bass

Offensichtlich hat Maus für "Addendum" die Songs mit der kräftigeren organischen Anmutung ausgewählt. Im tollen Opener "Outer Space", der inhaltlich wie eine verquere Abrechnung mit Geldmenschen anmutet, bekommen die Synthesizer Gesellschaft von einer schneidenden Gitarre. Besonders auffällig aber ist in vielen Stücken die Dominanz des Basses, der in "Figured It Out" mit einem frenetischen Lauf die emotionale Zuspitzung forciert und mit dem Schlagzeug eine gleichermaßen tragfähige wie agile Rhythmusbasis gibt.

Ungefähr nach dem ersten Drittel setzt "Addendum" einen eigenartigen, aber reizvollen Stimmungswechsel: Der fulminanten Anfangsphase folgt eine Serie von ruhigeren Stücken, die wie eine Art Einkehr, ein Zu-sich-Kommen wirken. Erst mit dem letzten Song, "I Want To Live", wird das Tempo wieder angezogen. Dass diese Nummer "Forever is now", also ewige Weile postuliert, ist einer dieser kleinen Haken, wie sie John Maus so gerne schlägt.





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Dokument erstellt am 2018-04-19 18:12:23
Letzte Änderung am 2018-04-20 13:57:21



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