• vom 25.04.2018, 16:35 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 25.04.2018, 16:46 Uhr

Konzertkritik

Ein lebendes Lehrbuch




  • Artikel
  • Lesenswert (1)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Christoph Irrgeher

  • Klavierabend von Kenny Barron im Konzerthaus.

Würde man Jazzpianisten nicht nach Können, sondern Körpereinsatz sortieren, wer weiß: Vielleicht stünde am einen Ende der Skala Jamie Cullum. Das Energiebündel aus England, 38, bespringt noch heute gern die Klavierdeckel dieser Welt. Am anderen Ende wäre womöglich Kenny Barron anzusiedeln, am Dienstag solo im Mozartsaal des Konzerthauses zu sehen. Der Amerikaner aus Philadelphia, demnächst 75, versieht seinen Tastendienst als in sich ruhende Masse, er greift zwischen den Stücken nur kurz zum Mikrofon: Im Tonfall eines freundlichen, doch bündigen Moderators nennt er Name, Urheber und ab und zu eine kleine Anekdote zur nächsten Nummer: Bitte, danke, weiter. Wer Spektakel will, der gehe in den Zirkus.

Freunde der Jazzballade waren dagegen goldrichtig, denn Barron glänzt in diesem Fach wie kaum einer. Das liegt nicht nur an seiner Verankerung in der Tradition: Barron gestaltet geräumige Akkorde mit dem Geschick eines Bildhauers. Ein Medley aus Genrestücken von Duke Ellington und Billy Strayhorn kommt da genau recht, auch "The Very Thought Of You": Die Arpeggi, die sich hier anfangs auffächern, die Alterationen in den dichten Schichten erwecken Totgespieltes zu neuem Leben. Und weil Barron seine Notenpakete bald verfrüht, bald leicht "laid back" absetzt, entsteht ein organischer Fluss. Freilich: Der Ex-Mitarbeiter von Dizzy Gillespie versteht sich noch heute auf Bebop, und er weist dies immer wieder mit (etwas verwischten) Zickzackläufen nach. Das Schlusswort hat aber wieder eine Ballade, aus eigener Feder für Abdullah Ibrahim: wohlgesetzt, würdig und dosiert schmalzig wie die perfekte Festtagsrede.

Information

Konzert
Kenny Barron
Wiener Konzerthaus





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-25 16:39:34
Letzte Änderung am 2018-04-25 16:46:09



Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. In die Freiheit schwimmen
  2. "Beleidigen ist zum guten Ton geworden"
  3. Wieder Wirbel um Ministeriums-"Journalistin"
  4. Starke Frauen kennen keine Tabus
  5. Neuer ORF-Tirol-Landesdirektor und 183 Millionen für Neubau
Meistkommentiert
  1. Walter Hämmerle wird
    "WZ"-Chefredakteur
  2. Wieder Wirbel um Ministeriums-"Journalistin"
  3. Drama um Daniel Küblböck
  4. Punkt! .
  5. "Wiener Zeitung"-Geschäftsführer will "Gas geben"


Quiz


Tilda Swinton in einem Haute Couture Kleid des Designers Schiaparelli - das sich sogar in den Schuhen und Handschuhen optisch fortsetzt.

Gruppenbild der Jury: Präsident Guillermo del Toro (4.v.l.) gewann im Vorjahr den Goldenen Löwen für "The Shape of Water". Ganz links Venedig-Chef Alberto Barbera im Gespräch mit Christoph Waltz, ganz rechts:Biennale-Präsident Paolo Barratta. Werbung für Die Single "Baby I Love You" im Magazin Billboard 1959.

Sean Godwells Entwurf einer Kapelle erinnert beim ersten Auftritt des Vatikans auf der Architekturbiennale in Venedig auf den ersten Blick an einen aufklappbaren Würstelstand. Shepard Fairey vor seinem Mural am Wiener Flughafen.


Werbung