• vom 10.05.2018, 12:30 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 10.05.2018, 14:33 Uhr

Musical

Ein Alien ersäuft im Gin




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Von Andreas Rauschal

  • Im Wiener Volkstheater feierte das David-Bowie-Musical "Lazarus" Österreich-Premiere.

Dunkle Momente auf heller Bühne: "Lazarus" läuft jetzt auch in Wien. - © lupispuma.com / Volkstheater

Dunkle Momente auf heller Bühne: "Lazarus" läuft jetzt auch in Wien. © lupispuma.com / Volkstheater

Aktuell erweist es sich als irgendwie unglücklich, dass dem Volkstheater im Jahr 2015 der rote Stern genommen wurde. Der würde auch inszenatorisch gut zu David Bowie passen, dessen letztes Album auf Mutter Erde bekanntlich den Titel "Blackstar" trug - und an den man im Haus mit dem daraus abgeleiteten Musical "Lazarus" gerade erinnert.

Neben dem bereits von mehr als einem Anhauch Todesahnung durchzogenen künstlerischen Abschiedsgruß in Albumform arbeitete Bowie gemeinsam mit dem irischen Autor Enda Walsh bis knapp vor der Sperrstunde an seinem ersten und letzten Musical, das in New York mit Michael C. Hall in der Hauptrolle uraufgeführt wurde. Der kennt sich mit dem Sterben insofern aus, als er einst schon den Bestatter in der HBO-Serie "Six Feet Under" und als "Dexter" einen Serienmörder in Forensikertarnung gegeben hat.

Information

Musical
Lazarus
Volkstheater

http://www.volkstheater.at/

Von der Bibel vorgeturnt

Mit Wien kommt das als dunkle Meditation über das Sterben angelegte Stück nun also in eine der Welthauptstädte des Todes und wird dort ausgerechnet mit Neigung zum gespielten Witz auf einer ausgerechnet sehr hellen Rundbühne (Wolfgang Menardi) inszeniert, die dann aber eh der heimliche Star des Abends sein könnte. Mit Tierskulpturen um einen sehr lebensnahen Elch, einem scheinbar ausgestopften Eisbären (Dexter?!) und einem Lichtkonzept, das die neonfarbenen 1980er Jahre durchaus im Sinne der damals zugebrachten Kokainnächte transzendiert, führt sie in ein Designerloft an der 2nd Avenue in Manhattan, in dem der Antiheld des Abends gleich bei der Premiere am Mittwoch ordentlich deliriert.

Thomas Jerome Newton, einst im Film "The Man Who Fell To Earth" nach einem Roman von Walter Tevis von David Bowie persönlich dargestellt und im Volkstheater von Günter Franzmeier gegeben, verzweifelt als einst auf der Erde gestrandeter und mit der Schlechtigkeit der Menschen konfrontierter Alien fern des Heimatplaneten am Leben. Bei drastischem Gin-Abusus (Gin macht sich auch auf Falcos "Hin, hin hin" einen Reim) kann er weder sterben noch zu neuem Leben finden. Sehnsucht nach dem Tod und der Auferstehung zugleich: Der von der Bibel vorgeturnte und im Anschluss in der Kunstgeschichte unter Beigabe prächtiger Ölschinken aus Meisterhand fortgesponnene Lazarus-Mythos unter Regie von Milos Lolić hat ein Problem.

Problem auch: Immer wieder schneien in der Wohnung Gäste vorbei, in der dieser zwischen Burnout, Erschöpfungsdepression und fortgeschrittenem Tschecherantentum angelegte Newton nur gern seine Ruhe hätte. Unter dem Besuch neben mehr oder weniger zwielichtigen Gestalten auch ein barfüßiges Mädchen mit glockenheller Knabenstimme und Helfersyndrom (Katharina Klar), das den längst Verlorenen retten will. Davor, dazwischen und danach, also die meiste Zeit gibt allerdings eine Nummernrevue den Ton an, die das bemühte Ensemble vorzeigen lässt, dass David-Bowie-Songs am besten von David Bowie gesungen werden.

Im Konjunktiv

Siebzehn vom Jahr 1970 bis hin zu "Blackstar" und dessen Fortsatz "No Plan" mit vier Originalnummern für "Lazarus" reichende Songs werden zwischen ins Bundesdeutsche tendierender Schauspielerintonation im Gleichklang mit der achtköpfigen Band adäquat musicalhaft dargeboten - wobei man sich nahe am Original gegebene Versionen des Titelstücks und etwa auch von Bowies rückblicksnostalgischem Berlin-Streifzug "Where Are We Now?" von 2013 als durchaus hübsch vorstellen darf.

Mit dem zunehmenden Tempo der Drehbühnenrotation erhält gegen Ende hin nicht nur die Abfertigung der Setlist, sondern auch die Frage nach Illusion und Wirklichkeit neuen Schwung. Mit einem regungslosen Newton am Boden erinnert man sich zum Abschluss daran, dass das hier erklingende "Heroes" nicht von ungefähr im Konjunktiv steht.

David Bowie hat sich mit "Blackstar" auf atemberaubende, buchstäblich Gänsehaut machende Weise als Gesamtkunstwerk vom Heimatplaneten verabschiedet. Man darf das "Lazarus"-Musical im Volkstheater daran nicht messen. Aber man muss.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-10 13:54:40
Letzte Änderung am 2018-05-10 14:33:15



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