• vom 13.05.2018, 11:14 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 14.05.2018, 08:41 Uhr

Wiener Festwochen

Ein Taktstock für die Dose




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Von Andreas Rauschal

  • Die britische Band New Order gastierte samt Keyboardorchester an zwei Abenden bei den Wiener Festwochen.

Melancholie im Erdgeschoß, Sportgymnastik in den Stöcken: New Order live. 
 - © Joel Chester Fildes

Melancholie im Erdgeschoß, Sportgymnastik in den Stöcken: New Order live.

© Joel Chester Fildes

Die Bühne ist natürlich imposant. Während im Erdgeschoß die britischen Dancefloor-Melancholiker New Order selbst ihr Tagwerk verrichten, wird die Kulisse optisch von zwölf auf zwei Stockwerken erbauten Kojen bestimmt, in denen man je einen Keyboard-Beauftragten beim Händeklatschen oder bei der rhythmischen Sportgymnastik beobachten kann.

Der vom gleichfalls britischen Konzeptkünstler Liam Gillick gestaltete Spielraum wird dazu mit hübschen Visuals und Lichteffekten beleuchtet, während man darüber nachdenkt, ob das Setting jetzt eher an ein Amsterdamer Laufhaus erinnert, eine Opernloge, die mit auf- und zukippenden Jalousien ausgestattet wurde – oder an einen Neubaukobel mit Loggia in der Brigittenau, auf dessen Fassade sich gerade der Beleuchter von Jean-Michel Jarre verwirklicht.

Unauffälliger Frontmann

Viele Wochen lang regierte große Vorfreude auf die beiden auffällig unter dem Titel "∑(No,12k,Lg,18Wfw) New Order + Liam Gillick: So it goes.." angekündigten Konzertabende im Rahmen der Wiener Festwochen im Museumsquartier. Trotz eines Sängers, der auch beim ersten Durchgang am Samstag gleich wieder beweist, dass er weder eine Stimme hat noch singen kann, eines mageren und qualitativ schwankenden Outputs im Spätwerk und eines peinlichen öffentlichen Zerwürfnisses mit seinem stilprägenden und längst gefeuerten Bassisten Peter Hook gehört das Quintett ja zu den wenigen Bands, auf die sich wirklich alle einigen können.

Information

Wiener Festwochen
Konzert
∑(No,12k,Lg,18Wfw) New Order + Liam Gillick: So it goes..

Wiederholung: Sonntag, 13. Mai. 21 Uhr.
www.festwochen.at

Immerhin haben New Order einst als Joy Division das bis heute schwer nachwirkende Post-Punk-Genre miterfunden und maßgeblich geprägt, um nach dem Suizid ihres Sängers Ian Curtis mit neuem Namen verstärkt daran zu arbeiten, die scheinbaren Gegensatzpaare Rockmusik und Elektronik, Song und Track wie eben auch Melancholie und Tanz zu vereinen. Alben wie "Power, Corruption & Lies" (1983) oder "Low-Life" (1985) und Hits von "Blue Monday" bis "Crystal" sind außer unwidersprochene Meisterwerke auch ein Quell der ewigen und bisweilen ziemlich melancholischen Freude.

Für die zuletzt von Publikum und Kritik gleichermaßen gescholtenen Wiener Festwochen also eine tolle Sache: Endlich ein Crowdpleaser, dem grenzenlose Liebe entgegenströmt! Leider nur verzichten New Order um den auch abseits seiner nicht vorhandenen Stimme recht unauffälligen 62-jährigen Frontmann Bernard Sumner im Rahmen der ursprünglich für das Manchester International Festival konzipierten Produktion aktuell auf ihre größten Hits und legen nach der nur kurz angespielten Ian-Curtis-Hommage "Elegia" mit gleichfalls unauffälligem Albummaterial um Songs wie "Who’s Joe?" vom nicht für seine Ideen bekannten Album "Waiting For The Siren’s Call" von 2005 los.

Hier verpufft auch gleich die Festwochen-PR: Die angekündigte "Neuerfindung" einer Band, die sich selbst "dekonstruiert", findet nicht statt. Es klingt wie immer, nur dass man das gerade zum Auftakt im Midtempo-Rock völlig obsolete Keyboardorchester zwar eh nicht hört, dafür aber eigens ein Dirigent beschäftigt wurde, der seinen Taktstock später noch vor ohnehin vorprogrammierter Dosenelektronik aus dem Studio schwingt.

Blindheit aus Liebe

Während Sumner die Gitarre bald an den Nagel hängt, um in engen Radien stehzutänzeln, werden immerhin auch die Entwicklungsstadien der Band vorgeturnt: Vom nicht nur aus nostalgischen Gründen bejubelten Joy-Division-Klassiker "Disorder" über Songs aus der Transformationsphase ("Ultraviolence") zu näher an Namen wie den Pet Shop Boys und sogar Jimmy Somerville stehendem Elektropop ("Subculture") und House-beeinflusstem Material für Partynächte einst auf Ibiza ("Vanishing Point") reicht das Programm.

Leider ist die Wahl der Setlist in dieser mit eineinhalb Spielstunden ohnehin knapp bemessenen Show nicht immer nachvollziehbar. "Guilt Is A Useless Emotion" von 2005 etwa klingt im Karikaturmodus wie eine New-Order-Coverband namens Blue Monday aus St. Pölten – wenn diese an einem sehr schlechten Tag eine B-Seite aufnimmt.

Mit den Kraftwerk-Arpeggios von "Your Silent Face" und "Decades", der dritten und letzten Joy-Division-Hommage des Abends, endet der Auftritt dann hübsch und versöhnlich, vor einem sichtlich dankbaren Publikum allerdings auch mit dem unbefriedigenden Gefühl, dass hier wesentlich mehr möglich gewesen wäre. Über Heldenverehrung und Blindheit aus Liebe dann ein andermal mehr.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-13 11:15:16
Letzte Änderung am 2018-05-14 08:41:19



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