• vom 17.05.2018, 12:00 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 17.05.2018, 12:07 Uhr

Pop

Das Böse ist immer und überall




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Von Andreas Rauschal

  • Ex-Pink-Floyd-Kopf Roger Waters demonstrierte in Wien die Schrecken von gestern und heute.

Feinde lauern innen und außen: Roger Waters im Rahmen der "Us + Them"-Tour in Wien. - © apa/Klaus Techt

Feinde lauern innen und außen: Roger Waters im Rahmen der "Us + Them"-Tour in Wien. © apa/Klaus Techt

Dass der Abend eher ungemütlich werden würde, stand bereits im Vorfeld außer Frage. Mit dem aktuellen Album "Is This The Life We Really Want?", von dem es am Mittwoch in der Wiener Stadthalle dann aber eh nur Auszüge setzt, erinnerte Roger Waters schließlich schon im Vorjahr daran, dass er auch einst während seiner Zeit als Chef von Pink Floyd neben den inneren Dämonen immer auch den äußeren Feind fokussierte.

Der kam als Fabrikbesitzer in Kapitalistengestalt, in Form von Regierungen und Geheimdiensten oder auch bloß als despotischer Lehrkörper daher, der uns sekkieren will. Sicher jedenfalls war und ist bis heute: Es gibt kein Entkommen. Das Böse ist immer und überall, sofern man nur genau genug hinschaut - oder fest daran glaubt.

Unwirtlicher als die Nachrichten

In der Stadthalle übersetzt sich das so, dass Roger Waters das Publikum im Rahmen der zu zwei Dritteln aus einer Agitprop-Materialschlacht der guten alten Schule (das waren die 70er Jahre!) bestehenden und das Grauen von gestern und heute auch mit Synthesizer- und Saxofonsolos demonstrierenden "Us + Them"-Tour nicht einmal in der Pause in Ruhe lässt - und lieber eine Klanginstallation vom Band präsentiert, die auf Pistolenschüssen, Polizeisirenen und dem Murmeln und Schreien einer aufgeregten Menschenmasse basiert.

Information

Roger Waters
"Us + Them"-Tour
Wiener Stadthalle

https://rogerwaters.com/

Zuvor schon wurden bei Stücken wie "Welcome To The Machine" Wolkenkratzer in drastischer Zeichentrickanimation in einem Weltmeer aus Blut ertränkt. Und es gab neben Projektionen von Flüchtlingsleid und Fadenkreuz-Aufnahmen auf Zielobjekte aus Kampfjet-Perspektive heftige audiovisuelle Detonations-Einlagen mit markerschütternder Wirkung.

Wie oft genau US-Präsident Donald Trump etwa in Damenunterwäsche oder mit einem Miniaturzumpferl im Manfred-Deix-Stil verunglimpft wurde (wobei: Kann man Donald Trump überhaupt verunglimpfen?!), ist nicht mit Sicherheit zu sagen. Sehr sicher ist, dass das Konzert über weite Strecken unwirtlicher ausfällt als jede Nachrichtensendung im Fernsehen, wenn man sie mit Postings aus einem Internetforum über den Weltuntergang multipliziert und währenddessen den Aluhut aufsetzt. Der Irre aus Nordkorea, Wladimir Putin, Benjamin Netanjahu und Marine Le Pen haben Gastauftritte. Bei "Another Brick In The Wall" wird der Kinderchor plastisch in Häftlingskleidung aus Guantanamo Bay gesteckt, wobei man auch an ein Rübe-ab-Video des IS auf YouTube denken könnte.

Überhaupt wird auch und gerade von der als Pink-Floyd-Best-of unter besonderer Berücksichtigung der Alben "The Dark Side Of The Moon" und "The Wall" mit vier abgenickten neuen Songs angelegten Setlist her klar, dass wir es hier mit Kunst zu tun haben, wegen der Punk einst erfunden wurde.

Politische Brandrede

Über die sechsköpfige, zur bildungsbürgerlichen Interpretation von Rock mit vielen Tönen tendierenden Dinosaurierband und zwei Sängerinnen, die aussehen wie eine Abba-Version von Nora von Waldstätten als koksende Milliardärstochter in David Schalkos Serienflop "Altes Geld", jedenfalls ist zu sagen, dass man sie aufgrund eines Rundumsounds und der diesbezüglichen Perfektion eines alten Klangfetischisten zumindest in für die Stadthalle ungewöhnlich sehr guten Verhältnissen, also kristallklar hören kann.

Von der Show her eigentlich unvorstellbar: Im zweiten Konzertteil wird es noch plakativer. Roger Waters projiziert die Battersea Power Station vom "Animals"-Cover vertikal in die Halle und schickt eine aufblasbare Plastiksau mit Trump-Konterfei zum Rundflug. Im optisch also grässlichen "Animals"-Gedenkblock um die Songs "Dogs" und "Pigs" schenkt der 74-Jährige als Symbolbild für Konzernraffgier mit Tiermaske Champagner aus. Die ganze Konzernspitze Schweine! Donald Trump sowieso. Unter der Laserpyramide bietet gegen Ende hin aber auch der Blick in Richtung Orbit keine Perspektiven mehr: "Everything under the sun is in tune / But the sun is eclipsed by the moon!"

Nach der unvermeidlichen politischen Brandrede gegen die Feinde Palästinas fühlt man sich an der Frischluft sehr, sehr erleichtert. Schön hier. Entspannt. Selten ist einem Rudolfscrime-Fünfhaus friedlicher vorgekommen.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-17 12:00:51
Letzte Änderung am 2018-05-17 12:07:34



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