• vom 23.05.2018, 07:30 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 24.05.2018, 17:07 Uhr

Popmusik

Sie lassen sich nicht die Mundart verbieten




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Von Viktoria Klimpfinger

  • Popmusik in Mundart steht zwar zur Zeit hoch im Kurs, markiert aber auch ein Ungleichgewicht, hinter dem eine Reihe überholter Rollen-Stereotype steckt.

Spürt Rollenklischees: Birgit Denk. - © Joakim Sjöholm

Spürt Rollenklischees: Birgit Denk. © Joakim Sjöholm

Ist gar nicht "tiaf": Sabine Stieger und ihre Band.

Ist gar nicht "tiaf": Sabine Stieger und ihre Band.© Bernhard Eder Ist gar nicht "tiaf": Sabine Stieger und ihre Band.© Bernhard Eder

Endlich werden die Spiele des Frauen-Fußballnationalteams im öffentlich-rechtlichen Fernsehen übertragen. Endlich versammelt sich auf der Amadeus-Bühne ein großer Chor aus weiblichen Musikerinnen. Endlich stellt man sich unter dem Hashtag "metoo" scheinbar geschlossen hinter den schon längst überfälligen Kampf gegen Sexismus und Chauvinismus. Endlich. Aber das Ende der patriarchal zum Phallus aufgerichteten Fahnenstange ist dennoch kaum in Sicht. Denn gerade, wo es immer noch vertretbar ist, die Söhne zu besingen und die Töchter zu verschweigen, können Sängerinnen wie Birgit Denk oder Sabine Stieger vom Chauvinismus einige Liedchen singen - in starkem, selbstbewusstem Dialekt. Und gerade wegen ihm.

Seit geraumer Zeit löst sich der Dialekt in der Musik vom Staub des Traditionellen, Nationalistischen und ist auch für die junge, progressive Szene wieder salonfähig. Was aber bei der radiotauglichen Liste an Dialektinterpreten auffällt, ist ihr Testosteron-Überhang. Frauen, die in Mundart singen und dabei nicht im Dirndl auf der Alm über ihren Angebeteten sinnieren, sind kaum darunter. Jetzt könnte man natürlich behaupten, es gebe sie eben nicht. Stimmt aber nicht. Nur hören wollen sie offenbar nicht alle - aber doch so viele, dass man ihnen musikalische Relevanz nicht absprechen kann.


Dialekt bei Frauen geht nicht
Für ihren Dialekt schlug Sängerin Birgit Denk in den vergangenen 15 Jahren einiges an unqualifizierter Kritik entgegen. Besonders am Anfang wurde ihr wiederholt geraten, es doch lieber mit Hochdeutsch zu versuchen: "Ich will mir aber nicht sagen lassen, wie ich singen soll. Vor allem, wenn Männer mit breitestem Dialekt sehr wohl im Radio gespielt werden." Auch die Tatsache, dass Sängerinnen aufgrund ihrer Sprache nicht für Gigs gebucht werden, bei denen männliche Mundartinterpreten durchaus gerne gesehen sind, kennt Denk nur zu gut. Dialekt ist also offenbar nicht ladylike. Da haben wir sie wieder, ganz im Kleinen, aber doch spürbar, die perfiden Rollenklischees.

"Es ist tatsächlich so, dass sowohl Journalisten als auch andere Leute sagen: Dialekt bei Frauen geht gar nicht", bestätigt auch Gesangskollegin Sabine Stieger, die bereits ihr zweites Album im Dialekt aufgenommen hat. "Sie sagen: Das ist derb. Das ist ‚tiaf‘. Das hat keinen Stil."

Dass der Dialekt an sich ein Stigma trägt, dürfte vorrangig ein ostösterreichisches, speziell Wienerisches Problem sein. "Zumindest in Wien wird Dialekt oft mit Hartem, Derbem assoziiert", sagt Sprachwissenschaftler Manfred Glauninger von der Universität Wien, "mit einer Sprache der Unterschicht." Vor allem in den westlichen Regionen Österreichs besitze der Dialekt hingegen keine sozial negative Konnotation: "In Vorarlberg oder Tirol spricht nach wie vor so gut wie jeder Mensch im Alltag Dialekt." Bei Stieger geht es aber gerade um oberösterreichisch gefärbte, bei Denk um niederösterreichisch-wienerische Mundart, also im Groben: um ostösterreichische Sprachvarianten.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2018-05-22 16:01:00
Letzte Änderung am 2018-05-24 17:07:08



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