• vom 25.05.2018, 19:00 Uhr

Pop/Rock/Jazz


Pop

Geistesverwandte Träumer




  • Artikel
  • Lesenswert (1)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Bruno Jaschke

  • Der US-Musiker Ry Cooder legt wieder neue Musik vor: Auf seinem wunderbaren Album "The Prodigal Son" trifft Jesus auf Woody Guthrie.

Der Konservator kehrt zurück - erneut auch als Songwriter: Ry Cooder. - © Joachim Cooder

Der Konservator kehrt zurück - erneut auch als Songwriter: Ry Cooder. © Joachim Cooder

Seit den Beatles gehört es für Protagonisten des Pop-Universums im wahrsten Wortsinn zum guten Ton, ihre Songs auch selber zu schreiben. Aus diesem Kult um die originäre Schöpfung resultiert eine gar nicht so seltene Lesart, die zum Beispiel einen Kris Kristofferson wegen seines wesentlich größeren kompositorischen Outputs über einen Johnny Cash stellt.

Eine solche Deutung lässt allerdings eines außer Acht: Gut ausgesuchtes Fremdmaterial ist imstande, das Werk eines Künstlers zu verdichten und sein Profil zu schärfen. Und Cash half der Rückgriff auf archaische Schuld-und Sühne-Geschichten aus dem Fundus der amerikanischen Folklore auch, ein Bezugsfeld für sein eigenes Schaffen herzustellen.

Information

Ry Cooder
The Prodigal Son
(Fantasy/Concord/Caroline)

Ry Cooder, der nach einer Karriere als gefragter Sessionmusiker (u.a. für die klassischen Rolling-Stones-Platten "Let It Bleed" und "Sticky Fingers") 1970 sein erstes Album unter eigenem Namen veröffentlichte, brauchte gut zehn LPs, bis er 1982 mit "The Slide Area" erstmals in größerem Stil als Songwriter vorstellig wurde.

Artenvielfalt

Seinen Namen gemacht hat sich der 1947 als Ryland Peter Cooder in Los Angeles geborene und heute noch immer dort ansässige Meister diverser Saiteninstrumente und ausdrucksstarke Sänger vielmehr als eine Art musikalischer Archivar und Konservator: Er ist ein maßgeblicher Wegbereiter der sogenannten Rootsmusik, die unterschiedliche Volksmusiken aufgreift und in den USA in landesüblicher Weltoffenheit zumeist mit "Americana" gleichgesetzt wird.

Cooder allerdings adaptierte neben buchstäblich naheliegenden Stilen wie Blues, Country, Hillbilly und Gospel auch Idiome von jenseits der US-Grenze: Etwa Tex-Mex, die gleichermaßen aufgekratzte wie tief sentimentale Mischung aus Rock ’n’ Roll, Blues, Polka und Mariachi aus dem texanisch-mexikanischen Grenzland. Oder kubanische Musik aus der Prä-Revolutions-Ära, die er als Produzent des Buena Vista Social Club im Jahr 1999 weltbekannt machte.

Auf seinen archetypischen Alben "Paradise And Lunch" (1974) und "Chicken Skin Music" (1976) hob Cooder u.a. Pretiosen von Lead Belly oder dem von ihm besonders geschätzten Blasmusik-Komponisten Alfred Reed und zelebrierte sie als Oden an die musikalische Artenvielfalt. Er hatte dabei stets ein gutes Ohr für Songs, die Geschichten von Menschen erzählen, denen das Schicksal keine besonders günstigen Karten gegeben hat.

Seit ungefähr der Jahrtausendwende wiederum veröffentlicht Cooder, ohne seine traditionsverwurzelte Musiksprache dramatisch zu ändern, Alben mit (so gut wie) ausschließlich Eigenkompositionen. Auf deren letzen beiden, "Pull Up Some Dust And Sit Down" (2011) und "Election Special‘" (2012), kommentierte der sechsfache Grammy-Gewinner Themen wie Immigration und das wachsende Wohlstandsgefälle und konstatierte mit grimmigem Sarkasmus, dass die Verursacher der Wirtschaftskrise von 2008 zugleich ihre Gewinnler waren: "No Banker Left Behind."

Narrativ über Gier

"The Prodigal Son", Cooders 17. Album (unter Ausklammerung von Soundtracks wie etwa auch seiner akklamierten Vertonung von Wim Wenders Road-Movie "Paris, Texas"), greift dagegen wieder auf ausgesuchte Fremdkompositionen zurück. Mit drei ebenso exquisiten Cooder-Originalen ergänzt sich diese Selektion in teilweise mitreißender musikalischer Ausstattung mit Blues-Rock-und-Gospel-Dominanz zu einem Narrativ über Xenophobie, Gentrifizierung, Gier und Ausbeutung, dem als Erlösungsutopie die Parabel vom titelgebenden Verlorenen Sohn entgegengestellt ist: In Cooders Überarbeitung des Traditionals hat sich dieser vor seiner Rückkehr ins elterliche Haus als Aschenbecherausleerer für den legendären Pedal-Steel-Gitarristen Ralph Mooney verdingt.

Im schönsten Song des Albums, Cooders Eigenkreation "Jesus And Woody", hält Jesus einen Monolog an Woody Guthrie, der ihrer beider Geistesverwandtschaft herausstreicht und angesichts der gesellschaftlichen Entwicklung der USA zu einer bitteren Conclusio führt: ",Dieses Land ist dein Land‘? Und Faschisten werden letztlich verlieren?", zitiert der Erlöser sardonisch die Folk-Legende. "Sie waren ein Träumer, Mr. Guthrie, und ich war auch einer."





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-25 14:25:03
Letzte Änderung am 2018-05-25 14:32:03



Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Zank am Festspielgipfel
  2. Schweigen im Blätterwald
  3. Benko steht vor Reformstau
  4. Dero Hochwohllöblichkeit
  5. Verjüngungskur zum Jubiläum?
Meistkommentiert
  1. Lang lebe Europa!
  2. Rene Benko steigt bei "Krone" und "Kurier" ein
  3. Kritik an finnischem Rechts-Metal-Konzert in Wiener Club
  4. Schweigen im Blätterwald
  5. Presserat rügt "Wochenblick"


Quiz


Sozialdemokratische Kundgebung für das Frauenwahlrecht, Wien-Ottakring, 1913

Ignaz Kirchner als "Samiel", 2007, während der Fotoprobe von "Der Freischuetz" in Salzburg.  Das Tutu ist das Spezifikum der Ballerina, die elfengleich über die Bühne schwebt.

Werbung für Die Single "Baby I Love You" im Magazin Billboard 1959. Bille August.


Werbung