• vom 26.05.2018, 12:00 Uhr

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Pop

Männer, die sich selbst im Weg stehen




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Von Andreas Rauschal

  • Maximilian Hecker leidet sich durch sein neues Album "Wretched Love Songs". Wir leiden mit.

Oh weh! Herr Hecker.

Oh weh! Herr Hecker.© Minsu Sun Oh weh! Herr Hecker.© Minsu Sun

Extremismus, Nationalismus, Separatismus. Radikalisierung. Die Spaltung der Gesellschaft. Unberechenbare Machthaber zwischen Pjöngjang und Washington, D.C. Die Auswirkungen der Finanzkrise auf uns alle. Klimawandel. Flüchtlingsdramen. Neid, Missgunst und immer wieder auch Hass. Soziale Schräglagen, Einkommensscheren. Die Gläsernheit des Menschen im World Wide Web. Der Trend zur Überwachung. Arbeitsplatzverlust durch Digitalisierung. Arbeitsplatzverlust durch Arbeitsplatzverlust. Osten gegen Westen. Norden gegen Süden. Alle gegen alle. Hass, Hass, Hass!

Es klingt ein wenig wie die Themenpalette eines durchschnittlichen Roger-Waters-Konzerts, aus dem man die sogenannte "Israel-Kritik" entfernt hat, aber es stimmt schon: Die Probleme der Welt und die Umstände da draußen sind so zahlreich wie erdrückend - sofern man sie sieht. Gerade popkulturell und unter privilegierten jungen Männern besteht ja auch heute noch der Trend, die zu viele Zeit, die man hat, weil man es sich leisten kann, dafür zu nutzen, sich selbst leid zu tun, obwohl es dafür exakt keinen Anlass gibt. Lösungsorientiertheit in Problemsituationen wird überschätzt, wenn man es sich mit selbstgemachtem Ungemach auch im Welt- und Herzschmerz gut einrichten kann.

Sensitiver Künstler

Information

Maximilian Hecker
Wretched Love Songs
(Blue Soldier Records)

Hat man sich auf dieses spezifische Religionsverständnis erst einmal geeinigt, dann, ja dann ist Maximilian Hecker der konkurrenzlose Messias. Der 1977 in Heidenheim an der Brenz geborene Songwriter, dessen 2001 mit dem programmatischen Album "Infinite Love Songs" von Berlin gestartete Weltkarriere in der DACH-Region über die Märkte Taiwan, China, Japan und Südkorea bald auch in den fernen fremden Harakiri-Osten ausgedehnt wurde, beschäftigt sich auf mittlerweile neun Alben beinahe ausschließlich damit, an sich selbst zu verzweifeln. Vermutlich würde die Außenwelt selbst in Form einer Atombombe nur sehr rudimentär in das Aufmerksamkeitszentrum des sensitiven Künstlers vordringen können, weil dieser zu sehr mit dem Mit-sich-Selbst-Beschäftigtsein beschäftigt ist.

"Brüllende Stille"

Außer Hader an sich selbst (aarrgh!) und vor allem dem Hader an der Liebe (oh weh!) geht es hier auch um den Hader am Hader. Es ist wie das Gegenteil eines Selbsthilfeprogramms. Oder ein AMS-Seminar unter umgekehrten Vorzeichen mit dem Titel "Wie man sich selbst im Weg steht". Wer um Gottes Himmels Willen auf Gottes schöner Erde auch ohne Grund unbedingt unglücklich sein, bleiben oder werden will, er lege ein Album von Maximilian Hecker auf!

Mit den elf neuen, thematisch als "Wretched Love Songs" zusammengefassten Miniaturstudien im Fachbereich "Lieber leiden" gibt es jetzt jedenfalls endgültig keine Zweifel mehr, dass der Mann weder anders kann - noch dass er es anders haben will.

Manchmal während dieser erschöpfungsdepressiv zwischen käsigen Schlagwörtern wie "Tender angels", "Baby skin" und der "brüllenden Stille" als über allem drohender Metapher gesäuselten, mit Neigung zur Akkordzerlegung am Klavier eingespielten und dezent um Zupfgitarren, Schlagwerk, sehr unterschwellige Synthesizer und nicht ganz so unterschwelligen Kitsch erweiterten Kunst passiert aber auch eines: Man empfindet den Wunsch, das Album mit Wundpuder zu bestäuben, einmal Hansaplast herumzuwickeln und, Herrschaftszeiten, pustend zumindest selbst einmal für eine klare Ansage zu sorgen: Alles wird gut!





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-25 14:52:01
Letzte Änderung am 2018-05-25 15:25:34



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