• vom 02.06.2018, 13:00 Uhr

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Ein Haustier namens Jeff




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Von Bruno Jaschke

  • Wunderliche Gedanken entwickelt der US-Musiker Josh Tillman alias Father John Misty auf seiner nur mäßig gelungenen neuen Platte, "God’s Favorite Customer".

Absurde Gedankenketten: Father John Misty.

Absurde Gedankenketten: Father John Misty.© Emma Tillman Absurde Gedankenketten: Father John Misty.© Emma Tillman

Man sollte ja nicht unbedingt jedes Wort der Pop-"Bibel" Pitchfork auf jenen Altar legen, vor dem einstens Kritikergötzen wie Marcel Reich-Ranicki angebetet worden sind. Aber wo die Kollegen recht haben, haben sie recht. "Josh Tillman brilliert noch immer im Quälen jener verlorenen Seelen, die seine Musik mögen", schrieb das Onlineportal im Vorjahr über das philosophisch beladene Album "Pure Comedy", das der angesprochene Sänger und Songautor Joshua Tillman unter seinem künstlerischen Alias Father John Misty veröffentlicht hat.

Hätten die Freunde von Pitchfork nur geahnt, dass Father John Mistys neues Album, "God’s Favorite Customer", der p.t. Hörerschaft noch wesentlich mehr zumutet, so hätten sie sich diese Perle der Formulierungskunst für heuer aufbehalten.

Information

Father John Misty
God’s Favorite Customer
(Bella Union/PIAS/Rough Trade)

Live am 15. November in der Wiener Arena.

Flatterhafte Identität

Wie "Pure Comedy" schmückt sich "God’s Favorite Costumer" mit einem oberschlauen Titel und fährt mit Standgas. Aber während "Pure Comedy" mitreißende Momente hatte - selbst in einem fast viertelstündigen Songmonster wie "Leaving L.A." -, nötigt "God’s Favorite Costumer" dem Hörer eine gezielte Willensanstrengung ab, um überhaupt dabeizubleiben und verstehen zu wollen, warum die Stücke nicht vom Fleck kommen und Tillman seinen sonoren, beschwörenden Bariton für wimmernde Falsetteinlagen verschleudert.

Die Ironie daran ist, dass Tillman mit diesem Album im Prinzip gar nicht dramatisch mit seiner Geschichte bricht. Bevor und während er vorübergehend für die vielstimmigen Psychedelic-Ableger Fleet Foxes trommelte, veröffentlichte er unter eigenem Namen bereits eine Reihe ziemlich trost- und bewegungsloser Songwriter-Alben. Mit dem Pseudonym Father John Misty nahm der 37-jährige Bartträger indes eine distinguierte öffentliche Identität als flatterhafter, trinkfreudiger Womanizer an, dessen öffentliche Auftritte sorgfältig inszeniert waren.

Mit diesem Imagewechsel erblühte aber auch die Musik in Farbenvielfalt und erreichte mit dem aufgekratzten, heute schon wie pure Nostalgie anmutenden zweiten Album "I Love You, Honeybear" von 2015 einen vorläufigen Höhepunkt, dem der Nachfolger "Pure Comedy" immerhin noch orches-trierten Pomp und große Melodien hinzuzufügen hatte.

Dem Vernehmen nach durchlebte Tillman vor dem nunmehr vierten Album als Father John Misty eine Ehekrise, in deren Verlauf er für zwei Monate ein Hotel bezog. Zwei Songs auf "God’s Favorite Costumer" reflektieren dieses "Exil". "The Palace" ist eine Art Meditation, in der sich die Selbstsuche eines Menschen mit den vertrauten Wunderlichkeitssyndromen infolge von Abkapselung zu einer herrlich absurden Gedankenkette potenziert: Vielleicht sollte er, räsoniert der Pro-tagonist, sich ein Haustier anschaffen, um zu lernen, für jemanden da zu sein. Vielleicht würde er es Jeff nennen. Aber das wiederum würde dem Sinn dieses Aufenthalts Hohn sprechen, wo er doch hier mit Housekeeping und Zimmerservice lebt. Und eigentlich will er nicht raus hier. Vielleicht sollte man jemanden bezahlen, um hier einzuziehen und das in Ordnung zu bringen?

Ermüdende Aura

Ein großer Text - das Problem ist nur: Musikalisch ist, was als leblose Hänger-Ballade gerade noch angehen könnte, besonders fad, wenn es zwischen zwei schwerfällige Schleicher ("Please Don’t Die" und "Disapointing Diamonds Are The Rarest Of Them All") eingebettet ist.

"Mr. Tillman" dagegen, das zweite Hotel-Stück, das diverse Verfehlungen des Gastes auflistet - Pass im Kühlschrank vergessen usw. -, hat sogar eine Art Groove, doch just hier versackt die Melodie in einer eigentümlichen Monotonie, deren ermüdender Aura die Tatsache, dass sie irgendwie zum Thema passt, nicht wirklich abhilft.

Sehr offensichtlich will "God’s Only Customer", von Tillman gemeinsam mit Jonathan Rado und Langzeit-Kollaborateur Jonathan Wilson produziert, ein Dokument der Kläglichkeit sein. Und während das auf der inhaltlichen Ebene funktioniert, indem Tillman seinem psychischen Elend seinen sarkastischen Witz entgegenzustellen weiß, findet die großteils klavierdominierte, von gelegentlichen orchestralen Arrangements mehr betäubte als aufpolierte Musik keinen gangbaren Weg heraus aus dem selbstgeschaffenen Getto.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-30 15:13:06
Letzte Änderung am 2018-05-30 15:20:20



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