• vom 01.06.2018, 18:30 Uhr

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Von Andreas Rauschal

  • Chvrches liefern mit ihrem neuen Album endgültig Pop mit großer Geste. Im Sommer live in Linz.

Glitzern und schillern: Emotionale Überfrachtung mit Chvrches um Sängerin Lauren Mayberry.

Glitzern und schillern: Emotionale Überfrachtung mit Chvrches um Sängerin Lauren Mayberry.© Danny Clinch Glitzern und schillern: Emotionale Überfrachtung mit Chvrches um Sängerin Lauren Mayberry.© Danny Clinch

Leiden hat in der Popmusik bekanntlich immer Saison. Gerade erst hat Maximilian Hecker mit "Wretched Love Songs" als waidwunder Gefühlsmann wieder vorexerziert, wie man aus der diesbezüglichen Grundgestimmtheit unter Zuhilfenahme eines Klaviers eine regelrechte Lebenseinstellung künstlich - oder sagen wir: künstlerisch - herstellen kann.

Information

Chvrches
Love Is Dead
(Vertigo Berlin/Universal)

Live am 11. Juli
am "Ahoi! The Full Hit Of Summer"-Festival in Linz. Infos und Tickets hier.

Dabei weiß man bereits seit den 80er Jahren, dass der Herzschmerz besonders eindringlich wirkt, wenn man ihn tanzbar macht - und ihn nach einer Dusche im Konfettiregen unter die Discokugel stellt. Traurig tanzen? Ja, bitte! Vor allem, wenn dann ein Reinigungsrefrain daherkommt, der einmal quer durch die Knochen und dann rein ins Gemüt fährt, alles wieder schillern und glitzern lässt und mit der Erkenntnis erfreut, dass sich hier im Club ja auch noch andere Frauen und Männer befinden. Hey du! (Trockeneis-)Nebel ist eine tolle Erfindung, (Neon-)Licht allerdings auch nicht zu unterschätzen.

Die schottische Band Chvrches (Chvrches steht natürlich für Churches - aber googeln Sie das einmal!) hat bisher zwei Alben veröffentlicht, die unter den Scheinwerfern des Synthie-Pop stehen und am ehesten noch mit einer Sängerin auffallen, deren Stimme so süß ist, dass man sie auch in der Schlagerbranche mit offenen Armen aufnehmen würde.

Glasgow muss Las Vegas werden!

Album Nummer drei trägt nun den schwer nach Programm klingenden Titel "Love Is Dead", kommt dann unter losen Herzschmerz-Deklinationen unter besonderer Berücksichtigung des Dramas und der Jugend als Nachhall einer noch gar nicht so lange zurückliegenden Zeit mit naseweisen Zeilen wie "We were just kids then" (wir waren doch noch Kinder!) aber nicht zwangsläufig mit einem Narrativ als Überbau oder einer eindeutigen inhaltlichen Ansage daher.

Sicher ist: Das Trio aus Glasgow ist während der Aufnahmen im sonnigen Los Angeles unter erstmaligem Rückgriff auf einen Produzenten (Greg Kurstin, der Mann, der etwa den Adele-Megahit "Hello" mitverantwortet hat) endgültig dazu übergegangen, Pathos-Pop mit großer Geste zu schmieden, der sich selbst in drei leuchtenden Großbuchstaben schreibt.

Das bedeutet nun Mehreres: Leider klingen die Songs nicht nur etwas sehr nach Reißbrett und uniform, wenn man es nicht positiver mit "homogen" formulieren will. Sie klingen eindeutig auch nach Missachtung der alten Studioregel "Reset the preset" und deshalb wie gefühlte zehntausend andere Produktionen auch. Vor allem aber klingen Chvrches bei Stücken wie "Forever" oder "Wonderland" aktuell endgültig so, als würden sie mit pickertem emotionalem Überfrachtungspop an der Schnittstelle zum Schlager dazu übergehen, in die Fußstapfen von Brandon Flowers und seiner Killers zu treten. Chvrches können das. Glasgow muss Las Vegas werden! Wir brauchen mehr Pailletten, Leute! Wo sind die Schulterposter? Pling-pling!

Himmel oder Hölle

Dabei gelingen der Band zu Malen-nach-Zahlen-Formalismen beinahe durch die Bank zündende Refrains, die einem frecherweise den ganzen lieben Tag lang nicht mehr aus dem Ohr gehen wollen. Man kann eine hier abgelieferte Hookline also nicht nur zur Betrachtung des Lebens im Allgemeinen, sondern auch für das Gehörte selbst heranziehen, während der Bass pumpt und die Tomtoms die Zeitreise nach 1984 antreten, wo sie in einer Dorfdisco neben dem Kirchenwirt landen: "Is this heaven - or is this hell??"

Was genau aus der für das Album eigentlich angekündigten Zusammenarbeit mit Dave Stewart von den Eurythmics ("Sweet Dreams") geworden ist, ist nicht überliefert. Dafür gelingt Chvrches mit einem Gastauftritt von Matt Berninger von den Indie-Heroen The National für die toll-käsige Leidensballade "My Enemy" ein mittlerer Coup, der im Sommer auch zu einem Live-Duett in Österreich führen könnte: Am 11. Juli gastieren sowohl Chvrches als auch The National beim "Ahoi! The Full Hit Of Summer"-Festival in Linz.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-01 16:13:09
Letzte Änderung am 2018-06-01 16:23:22



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