• vom 08.06.2018, 13:20 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 08.06.2018, 14:48 Uhr

Nachruf

Mulatschag gegen Spießer




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Von Andreas Rauschal

  • Zum Tod des Drahdiwaberl-Chefs Stefan Weber (1946-2018).

Drahdiwaberl-Gründer Stefan Weber mit Tochter Monika, aufgenommen im Jahr 2006. - © apa/Hauptmann

Drahdiwaberl-Gründer Stefan Weber mit Tochter Monika, aufgenommen im Jahr 2006. © apa/Hauptmann

Wien. Ein Blick in die Charts des Jahres 1981 belegt, dass damals in Österreich neben "Du entschuldige, i kenn di" von Peter Cornelius auch "Strada del sole" von Rainhard Fendrich sehr beliebt war.

Eher nicht fündig wird man in Sachen "Ganz Wien", mit dem Drahdiwaberl und Falco im selben Jahr nicht nur einen wirkungsmächtigeren Song und späteren Klassiker des "Austropop" im Angebot gehabt hätten. Auch wurde mit dem dazugehörigen Debütalbum von Drahdiwaberl, "Psychoterror", in der gerade noch toten Wienerstadt ein neues popkulturelles Experimentierfeld im Anti-Establishment-Rock-’n’-Roll zwischen Freakout, Provokation, niederen Instinkten und totalem Tabubruch eröffnet, für das die Vorarbeit bereits im Jahr 1969 begonnen hatte.

Damals gründete der Kunststudent Stefan Weber die Band unter dem Eindruck des Wiener Aktionismus. Nicht von ungefähr fand das erste Drahdiwaberl-Konzert (Drahdiwaberl heißt "Dreh dich, Weibchen" und hätte es 50 Jahre nach diesen wilden anarchischen Zeiten in der #MeToo-Ära sehr schwer) 1972 im Audimax der Uni Wien statt, also in unmittelbarerer Nähe zum NIG (Hörsaal 1!). Dorthin hatte Günter Brus vier Jahre zuvor zur Aktion "Kunst und Revolution" geladen, die unter kräftigem Zutun des Medienboulevards als "Uni-Ferkelei" in die Geschichte einging.

Mit Kunstblut

Drahdiwaberl-Konzerte begannen meistens auf der Bühne, sie endeten häufig allerdings vor Gericht. Etwa auch öffentlicher Geschlechtsverkehr führte außerdem zum eingangs beschriebenen Nicht-Vorkommen von Drahdiwaberl in den Charts. Erst eine Zusammenarbeit mit dem als Polizeimajor Kottan heiliggesprochenen Schauspieler Lukas Resetarits beendete im Jahr 1983 zwar einen Rundfunkboykott. Allerdings war Stefan Weber der plötzlich (dann aber eh nur temporär) eintretende kommerzielle Erfolg mit der Single "Lonely" eher unangenehm. Live versteckte sich der Mann zwischen Walrossbart, Kunstblut und selbstentworfenem Splatter-Design nicht nur in Signature-Songs wie "Mulatschag" gegen die Spießer wetternd im Mix aus Hard-Rock-Riffs und Punkakkorden mit einmal Keyboard extra - sowie sehr gerne auch im künstlerischen Angriff, der noch heute die beste Verteidigung ist: "Hochkultur, verstaubter Mief, wir sind viel lieber exzessiv!"

Im Brotberuf verdingte sich Weber ab 1970 als Herrlehrer (ausgerechnet!). Eine Parkinson-Diagnose führte im Jahr 2000 zur Frühpensionierung, im selben Jahr erschien das Album "Torte statt Worte" als Protestnote gegen Schwarz-Blau. Umarmungen durch das Establishment während einer Phase des Rückzugs hatte Stefan Weber in Form des Silbernen Verdienstzeichens des Landes Wien und eines Amadeus‘ für das Lebenswerk (beide 2005) zu überstehen. Nun ist Stefan Weber gestorben. Er wurde 71 Jahre alt.



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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-08 13:28:16
Letzte Änderung am 2018-06-08 14:48:05



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