• vom 11.06.2018, 19:00 Uhr

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Mit dem Oldtimer ins Glück




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Von Andreas Rauschal

  • "As Long As I Have You": The-Who-Sänger Roger Daltrey hat sein erstes Soloalbum seit 26 Jahren vorgelegt.

Soulful: Daltrey.

Soulful: Daltrey.© Steve Schofield Soulful: Daltrey.© Steve Schofield

Der Mann hat als die Stimme von The Who ohne jeden Zweifel Musikgeschichte geschrieben. Während im Hintergrund die Bühne brannte, Kollege Pete Townshend seine Gitarre abwatschte (die Windmühle!) und dann in Stückwerk zerlegte und auf Drummer Keith Moon, das Vorbild für den durchgeknallten Plüsch-Schlagzeuger Animal aus der "Muppet Show", bereits die örtliche Polizeieinheit wartete (allerdings nicht, um mit ihm ein Selfie zu machen), blieb Roger Daltrey aber tatsächlich: die Stimme.

Ungewöhnlich für eine Band ihrer Zeit, die sich noch dazu zwischen sogenanntem Classic Rock und etwas Rock-Dinosauriertum in Richtung Rockoper entwickelte ("Tommy", 1969, "Quadrophenia", 1973"), gab Daltrey keine eigenen Inhalte, sondern die Kopfgeburten von seinem Kollegen Pete Townshend zum Besten.

Das blieb auch abseits von The Who so - oder so ähnlich: Der für eine Mod-Band standesgemäß vor Working-Class-Hintergrund geborene Brite schlüpfte ab den 80er Jahren zunehmend in Schauspielrollen und interpretierte auch auf losen Soloalben hauptsächlich Fremdmaterial.

Seidenschal im Wind

Nachdem ein weiterer Sologang ins Studio zunächst von einer Welttournee von The Who anlässlich des 50-jährigen Bandjubiläums und dann von einer schweren Meningitis, die Roger Daltrey für einen Monat ins Krankenhaus zwang, unterbrochen wurde, ist das auch auf dem neuen Machwerk nichts anders. Auf "As Long As I Have You" (Polydor/Universal), dem ersten Album des heute 74-Jährigen seit einem guten Vierteljahrhundert, sind neun von elf Songs Coverversionen.

Das im Jahr 1964 durch den US-Soulsänger Garnet Mimms erstinterpretierte Titelstück gibt die eine Richtung des Albums vor: Wir hören hübschen, mit hübschem Schubidu-Backgroundgesang garnierten Oldtimerrock für entspannte Oldtimerfahrten durch die weite (amerikanische) Weite. Der Seidenschal weht im Wind, man ist glücklich. Man hat sein Leben gelebt und das Geld für den anstehenden Resturlaub auf der Seite: "Don’t you worry ’bout nothing / In the end the best is yet to come!"

Trump Statt Nixon

Zu teils joecockernden Bläsern würgt Kollege Pete Townshend bei sieben Stücken die Saiten, Mick Talbot (Dexys Midnight Runners, The Style Council) schaut für dezentes Arrangement-Beiwerk mit seinem Keyboard vorbei.

Man ankert musikalisch wertkonservativ und mit Spaß am Spiel zwischen Rock, Rhythm & Blues, reichlich Soul - sowie etwas Funk im Falle von "You Haven’t Done Nothin’". Diesen Song hat Stevie Wonder einst an Richard Nixon gerichtet. Sehr wahrscheinlich denkt Roger Daltrey aktuell hingegen an Donald Trump: "We are amazed but not amused / By all the things you say that you’ll do."

Die andere Seite der Arbeit fällt mit viel Herzblut und einer großen Portion Soulfulness in der immer noch kraftvollen Stimme l’amourhatscherisch in den Bereich der Jukebox-Ballade mit Pomade mit Haar. Wir hören Torchsongs mit teils tiefentraurigen Bläsern und gebrochenem Herzen, bei denen man schon an Oldtimerausflüge durch die weite Weite denken muss, um nicht trübsinnig zu werden: "Out of sight, out of mind / So the story goes / You forgot I exist!"

Zwei mittlere Fremdkörper gibt es mit einer durchwegs nahe am Original gehaltenen Version von Nick Caves Klaviermeditation "Into My Arms" von 1997 samt dezenter Streicherbegleitung und dem zart ätherischen und dabei herbstlich gestimmten "Always Heading Home", bei dem Roger Daltrey als Song-Co-Autor gegen Ende der knapp 38 Spielminuten nicht nur "long forgotten stories, memories and dreams" besingt. Geht gut.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-11 14:49:20
Letzte Änderung am 2018-06-11 14:59:01



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