• vom 23.06.2018, 10:00 Uhr

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Von Otto A. Böhmer

  • Vielen Pop-Kritikern ein Gräuel - unserem Autor stets ein Quell von Glück und Freude: Eine sehr persönliche Erinnerung an die britische Band The Moody Blues.

Schwer verkabelt in Prä-Handy-Zeiten: The Moody Blues 1970 (rund um Mastermind Justin Hayward, 2.v.l.). - © GAB Archive/getty images

Schwer verkabelt in Prä-Handy-Zeiten: The Moody Blues 1970 (rund um Mastermind Justin Hayward, 2.v.l.). © GAB Archive/getty images

Wenn wir, mutigerweise, davon ausgehen, dass die Zeit, so wie wir sie zu kennen glauben, nur als Gegenwart vorstellig wird, dann gibt es eigentlich keinen Grund, sich im Vergangenen, in den "versunknen schönen Tagen" (Eichendorff), herumzutreiben.

Und doch: Irgendwie zieht es uns, je älter wir werden, und wir werden ja auf besorgniserregende Weise immer älter, sodass manche schon von einer "Altenplage" sprechen, zur Vergangenheit hin; dort hausen wir uns ein und nehmen sie gerne so, wie sie nie war und nie sein konnte.

Der Anstoß, ins Vergangene zurückzukehren, kommt weniger aus den Mutmaßungen über die eigene Befindlichkeit, von der wir, wie von vielem anderen auch, nichts Sicheres wissen, sondern wird eher durch feines, von außen einfallendes Schwemmgut bewirkt, im besonderen durch die Musik, die eine sehr ins Persönliche gehende Stimmungsmache betreibt, aus der wir erst dann wieder herauskommen, wenn der Zauber des Moments sich löst und seine Einflüsterungen, bis auf Widerruf, verstummen.

Meine Vergangenheit, eine insgesamt nicht sehr bedeutende Erlebniswelt, ist in einem überschaubaren Bereich von einer Band mitbestimmt worden, die den gestrengen Rockkritikern nie sonderlich viel Freude bereitet hat: den Moody Blues. Diese Band gibt es schon seit 1964, was sie nicht daran hindert, in wechselnder Besetzung immer noch aufzutreten, bevorzugt in den USA, wo es eine Fangemeinde gibt, die sich nicht mehr beirren lässt.

Die Moody Blues begannen, wie schon ihr Name verrät, mit Rhythm & Blues - und da hatten die Kritiker sie noch lieb. Dann irritierte die Band allerdings mit ersten Zumutungen: sie wurde, wie man missvergnügt feststellen musste, "arg süßlich"; ohne Erlaubnis einzuholen ließ man den geradlinigen, erdigen Einstiegssound hinter sich und garnierte die Songs mit harmonischen Sättigungsbeilagen: Mellotron, Synthesizer, Flöten kamen zum Einsatz, und zwar nicht zu knapp.

Harmlose Krankheit

Das war gewöhnungsbedürftig, zugegeben, aber in meinem Fall reichte es, um infiziert zu werden; der Moody Blues-Virus, aus dem ein insgesamt als durchaus angenehm empfundenes, letztlich auch harmloses Krankheitsbild erwächst, hatte mich im Griff und nistete sich ein. Nun hatte ich die Moody Blues lieb: Je weniger sie bei den progressiven Kritikern noch auf Gnade rechnen durften, desto mehr schwang ich mich, meist ungefragt, zu ihrem Verteidiger auf.

Ich befand mich damals, in den Freiburger Sommern der Jahre 1968-1974, auf die ich meinen Gedächtnisunterstand verpflichtet habe, ohnehin in einer eigenartigen, betont individualistischen Protesthaltung, die, abseits gerade aufkommender Fortschrittsbewegungen, den früh abgewetzten Charme eines Selbstfindungs-Hypochonders favorisierte, dem es, mit Blick auf eigene Herzschmerz-Geschichten, vor allem darum ging, sich sorglos und wohlbedacht im Kreise zu drehen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2018-06-22 14:43:34
Letzte Änderung am 2018-06-22 15:27:26




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