• vom 28.06.2018, 17:46 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 29.06.2018, 07:57 Uhr

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Von Andreas Rauschal

  • Die Nine Inch Nails begegnen mit ihrem neuen Album "Bad Witch" wieder dem Abgrund.

"Time is running out": Trent Reznor (links) und Atticus Ross von den Nine Inch Nails. - © Corinne Schiavone

"Time is running out": Trent Reznor (links) und Atticus Ross von den Nine Inch Nails. © Corinne Schiavone

Die Vorliebe der Band für unwirtliches Terrain ist bekannt. Und irgendeinen Grund wird es schon haben, dass Trent Reznor zwischen Weltschmerz, durchaus im Sinne von Selbstverletzung und Urlaub höchstens im Jammertal sich als ewig Zerrissener lieber dem Leid und der Seelenpein hingibt als in der Rosenzucht sein Heil und Glück zu finden.

Information

Nine Inch Nails
Bad Witch
(The Null Corporation)
www.nin.com

Begegnung und Konfrontation statt Flucht vor Realitäten, das bedeutet in der Kunst vielleicht ein Perpetuum Mobile, das ein Teufelskreis ist: Sich an einem Berg mühevoll abzuarbeiten schließt schließlich nicht aus, dass der Berg trotzdem nicht kleiner wird. Andererseits ermöglicht allein die kontinuierliche Konfrontation Katharsis und Linderung. So wie die Klage im Blues - als Mantra, das durchputzt.

Schmerzbewältigung

Allerspätestens seit dem langsamen leidvollen Abschied Johnny Cashs von dieser Welt und seinem Cover des Nine-Inch-Nails-Songs "Hurt" ("I hurt myself today / to see if I still feel") als ikonografischem letzten Gruß hat man Trent Reznor also schon auf den Schmerz gebucht.



Das war im Jahr 2003 und nach drei ersten Alben, denen konzentriert-manische Schübe an Schmerzbewältigung folgen sollten. Etwa als Reznor zwischen den Nine-In-Nails-Alben "Year Zero" und "The Slip" von 2007 und 2008 auch noch das instrumentale Vierfachalbum "Ghosts I-IV" veröffentlichte und sich nebenbei mit Eigen-Distributionen im Internet von der Musikindustrie zu emanzipieren begann. Oder parallel zu seinem Bandprojekt How To Destroy Angels unter zunehmendem Fokus auf Soundtracks mit seinem Seelenverwandten Atticus Ross, der dem Doppel im Jahr 2010 auch einen Oscar für die Klanguntermalung von David Finchers Facebook-Film "The Social Network" einbrachte.

Ein neues Album der Dachmarke Nine Inch Nails, die natürlich immer ausschließlich Kopfgeburten Reznors bedeutete und erst vor zwei Jahren mit, richtig, Atticus Ross ein fixes zweites Mitglied bekam, war hingegen schon überfällig. Immerhin liegt mit "Hesitation Marks" das letzte genuine Studiomachwerk mit abermals nicht unbedingt dem Leben zugewandtem Titel bereits fünf Jahre zurück.

Pumpen und Pochen

Zuletzt wiederum waren mit "Not The Actual Events" (2016) und "Add Violence" (2017) "nur" zwei EPs erschienen, die der Band auch einen Auftritt in der Twin-Peaks-Revival-Staffel Nummer drei einbrachten. Dort musste sie auf Wunsch David Lynchs allerdings anderes Material als vorgeschlagen zum Besten geben. David Lynch wünschte sich einen Song, der ihm die Haare aufstellen sollte. Letztlich scheint das geklappt zu haben.

Womöglich hat die Begegnung mit dem Meisterregisseur nun auch das neue Album beeinflusst, das mit nur dreißig Spielminuten als das bisher kürzeste in die Bandgeschichte eingeht: Schließlich nimmt der Titel "Bad Witch" bereits jenen latenten Grusel vorweg, den mit "I’m Not From This World" auf Basis eines permanenten Pumpens und Pochens samt Störsounds aus dem Häcksler und dräuender Crescendi zumindest eines der beiden Instrumentalstücke als Todes-Ambient kredenzt. So direkt-simplizistisch, dringlich und kraftlackelnd in bewährtem Nine-Inch-Nails-Stil wie zum Auftakt mit dem auf schwere Verzerreffekte gebuchten "Shit Mirror" geht es auf diesem Album kein zweites Mal zu.

Das atemlos-nervenaufreibende "Ahead Of Ourselves" zitiert mit seinem an "The Man Who Sold The World" erinnernden Gitarrenmotiv zum ersten, nicht aber zum letzten Mal den großen David Bowie, während Trent Reznor sich dem inhaltlichen Kern des Albums zu nähern beginnt. Der vertraut diesmal eher auf äußere als auf innere Krisen und widmet sich dem Untergang und der Sinnlosigkeit von allem, die dieser bedeutet: "We’re on the precipice" - wir stehen am Abgrund. "And we just can’t help ourselves."

Endgültig auf dem Todesstern und somit auch bei David Bowies letztem Album "Blackstar" landet man aber bei Stücken wie "God Break Down The Door" (Vorsicht: "There aren’t any answers here!") und "Over And Out" (Seid vorgewarnt: "Time is running out!"), bei denen Trent Reznor das Saxofon für atmosphärisch wabernde Arrangements auspackt und auch mit einem Wechsel des Vortragsstils und reichlich Vibrato in der Stimme an den toten Popstar gemahnt.

Dass man am Ende inmitten kristalliner Outer-Space-Sounds Begräbnisglocken zu hören glaubt, ist also nicht nur vor diesem Hintergrund stimmig.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-28 14:49:40
Letzte Änderung am 2018-06-29 07:57:04



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