• vom 04.07.2018, 16:51 Uhr

Pop/Rock/Jazz


Konzertkritik

Die Freuden der Oberfläche




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Von Christoph Irrgeher

  • Ein durchwachsener Auftritt: Thomas Quasthoff und die Big Band der Vereinigten Bühnen Wien beim Jazz Fest in der Staatsoper.

Charmanter Stammgast: Thomas Quasthoff in Wien. - © Horst Kneidinger

Charmanter Stammgast: Thomas Quasthoff in Wien. © Horst Kneidinger

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne; einem Quereinstieg manchmal noch mehr. 13 Jahre ist es her, dass Thomas Quasthoff erstmals als Jazzsänger in Wien auftrat. Der Opernstar vollzog den Sprung über die Genregrenze vergleichsweise grandios. Während damanch anderer Kollege mit üppiger Stimme einen Bauchfleck hinlegt, verringerte Quasthoff sein Klangvolumen, bewegte sich wie ein Fisch im Swingwasser und riss sein Publikum mit Timing-Präzision und Witz hin. Wobei er an ausgewählten Stellen doch seine Opernkräfte zuschaltete, um Balladen ein Extra an Eindringlichkeit zu verleihen. Etwas gewöhnungsbedürftig, aber effektvoll.

13 Jahre später singt Thomas Quasthoff wieder Swing in Wien - zum mittlerweile vierten Mal im Auftrag des Jazz Fest und dabei zum zweiten Mal mit der Big Band der Vereinigten Bühnen Wien. Eine schöne Sache - jedenfalls für Erstbesucher eines solchen Quasthoff-Events und Freunde des konventionellen Swings. Die Big Band läuft wie eine gut geölte Maschine, setzt unter Dirigent Herbert Pichler knallige Akzente und mitunter auch impressionistische Klangfarben frei (etwa in Dave Brubecks "The Duke"). Und der Gesang? Wenn ein Aushängeschild der seriösen Klassik als Entertainer auftritt, ist die Gaudi nahezu programmiert.


Mit Cocktailklaviersoße
Ein Vergleich macht allerdings unsicher. Drei Jazz-Alben hat Quasthoff insgesamt herausgebracht, das jüngste heuer bei Sony - es dokumentiert einen Leistungsabfall. Sicher: Der Bassbariton, der seine Klassikkarriere 2012 beendet hat, ist auch auf "Nice ’N’ Easy" für Glanzstücke gut, für karamellige Klangsüße und kernige Dandy-Keckheit. Es gibt aber auch Passagen, in denen der Stimme Halt fehlt, sie zu rutschen scheint - und es sind ihrer nicht wenige.

Dies leider auch live an der Staatsoper. Zwar begeistert Quasthoff ein weiteres Mal mit einer Beatboxing-Einlage, macht mit einer virilen Wiedergabe von "I Can’t Stand The Rain" ebenso Stimmung wie mit launigen Ansagen. Stevie Wonders Jubelnummer "For Once In My Life", schmettert er aber deutlich zu tief; und er beginnt "Willow Weep For Me" mit einer Stimme, die vom Start des Songs regelrecht überrumpelt scheint. Dabei hapert es auch an Ausdruck, nicht zuletzt in dieser Nummer. "Weide, weine für mich" heißt sie übersetzt, wäre eher traurig anzulegen. Beim 58-Jährigen klingt sie so, wie der Akt der Interpretation aussieht: nach einem Mann, der Noten vom Blatt singt. Zur Erinnerung: Quasthoff hat sich in der Klassik als intelligenter Gestalter hervorgetan, als jemand, der hinablotet in emotionale Abgründe. Ein wenig von dieser Tugend (die Quasthoff auch schon dem Jazz angedeihen ließ) wäre an der Staatsoper fein gewesen. Hier befördert aber auch der Pianist die Seichtheit. Technisch gediegen, produziert Frank Chastenier vor allem Cocktailjazzsoße.

Kurz vor Ende öffnet sich aber doch noch ein Fenster zur Ausdruckskraft. Lediglich klavierbegleitet, ertönt John Lennons "Imagine". Zwar darf man fragen, wie diese Hymne der Brüderlichkeit zu Quasthoffs vorangegangener Aussage passt, die da lautete: "Ich will Parteien wie die AfD oder Herrn Stracke (sic!) in Europa nicht mehr sehen." Er verleiht dem Song aber eine Intensität der Innigkeit, die ihresgleichen sucht. Da war er doch kurz, der große Gestalter.

Konzert

Thomas Quasthoff

Jazz Fest Wien, Staatsoper




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Dokument erstellt am 2018-07-04 16:58:59



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