• vom 05.07.2018, 16:06 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 05.07.2018, 16:18 Uhr

Konzertkritik

Und immer wieder "Auf Wiedersehen"




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Von Christina Böck

  • Melody Gardot schuf beim Jazz Fest in der Staatsoper intime Momente, Louie Austen fand es "leiwand".

Melody Gardot begleitet sich am Klavier. - © Rainer Rygalyk

Melody Gardot begleitet sich am Klavier. © Rainer Rygalyk

Die Gerti konnte leider nicht kommen. Die Gesangslehrerin von Louie Austen ist aber auch schon 96, und er hat ihr halt gesagt: "Mocht nix, i schick dir a Postkortn." Der Sänger mit der untadeligen Garderobe - weißer Anzug, weißer Hut, weiße Schuhe - war beim Jazz Fest Wien in der Staatsoper angetreten, um sein neues Projekt vorzustellen. Dafür hat er sich am Œuvre von Wienerlied-Heros Karl Hodina bedient, der auch Jazz-Akkordeonist war und von dessen kompositorischer Genialität Austen schwärmte. Es ging also um Heurigen und das "wunderschöne" Wort "leiwand". Das klang mitunter etwas beliebig, aber Austens Mundharmonikaspieler Bertl Mayer rettete das Konzert nicht nur einmal aus der Barmusik-Falle. Den Text der Hodina-Lieder verstand man freilich leider kaum. Nach knapp einer Stunde tänzelte Austen auf seinen weißbeschuhten Fersen mit karibischem Gurren von der Bühne und machte dem Haupt-Act dieses Abends Platz. Das war die US-amerikanische Jazz-Singer-Songwriterin Melody Gardot.

Sie war zum wiederholten Mal beim Jazz Fest zu Gast, ihren ersten Besuch in der Wiener Oper machte sie aber, wie sie erzählte, nicht als Künstlerin, sondern als Fan. Sie wollte Plácido Domingo hören. Wer sich vom Cover ihres jüngsten Albums "Live in Europe" zum Konzertbesuch inspirieren ließ, wurde enttäuscht: Anders als auf dem Foto, das sie splitternackt mit Gitarre von hinten zeigt, war Gardot am Mittwoch mit schwarzem Hosenanzug angetan. Allerdings waren auch die Ränge in der Oper deutlich üppiger bestückt als das leere Auditorium auf dem Nackt-Cover.

Tänzerische Regentropfen

Gardot begleitete sich selbst am Klavier zum Opener "The Rain", der Kollege am Kontrabass sorgte für tänzerische Regentropfen in diesem ersten von gleich einmal drei Liedern, die sich mit dem Abschiednehmen befassten. Ein Leitmotiv der Künstlerin - der oft auch getragenen Melancholie ihrer Musik zum Trotz zeigte sich die 33-Jährige gut gelaunt. Vor allem das Zusammenspiel mit einem Streichquartett, laut Gardot neu im Programm, mit dem sie ihre bekannten Nummern "Our Love Is Easy" und "Deep Within The Corners Of My Mind" präsentierte, schien ihr Auftrieb zu geben. Sie verwandelten die Popjazz-Nummern in eine Art Kammermusik, wenn man sich die Kammer mit zerwühlten Leintüchern, Jalousienschatten und ausgetrunkenen Rotweingläsern visualisiert. Die Intimität, die ihre behutsame Stimme für die Song-Erzählungen schuf, ließ die Oper plötzlich sehr viel kleiner wirken.

Immer klingt in ihrer Stimme ein nicht wirklich böse gemeinter Vorwurf mit. Auch scattet Melody Gardot gern, und wenn sie so mit Nonsenssilben jongliert, erinnert sie ein wenig an den bekanntlich hochmusikalischen Dschungelbuch-Bären Balu, wenn er sehr viel schlanker, sehr viel eleganter, sehr viel weniger Bär und dafür ein bisschen depressiver wäre. Das macht erst recht Laune, und wenn sie dann noch die obersten Logengäste auf Deutsch fragt, "Wie geht‘s Schatzimausi?", hat sie die Herzen vollends erobert. Standing Ovations.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-05 16:13:59
Letzte Änderung am 2018-07-05 16:18:25



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