• vom 09.07.2018, 12:45 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 09.07.2018, 13:40 Uhr

Jazz Fest

Wispernde Herzen und Walla-Walla-Gewänder




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Von Bruno Jaschke und Andreas Rauschal

  • Soul-Diva und Einheizer-Prediger: Cee-Lo Green und Corinne Bailey Rae beschlossen das Jazz Fest in der Wiener Staatsoper.


© APA/HERBERT PFARRHOFER © APA/HERBERT PFARRHOFER

Wien. Sie mag sechs Millionen Platten verkauft haben und das Bild einer modernen Soul-Diva abgeben. Aber ihr erster Auftritt in Wien ist ganz Demut und Ehrfurcht vor großer Tradition. "Guten Abend, Wien!", begrüßt Corinne Bailey Rae, üppig gelockt und angetan mit Glitzerstiefeln Marke 70er Jahre, auf Deutsch das Publikum in der dicht, aber nicht voll besetzten Staatsoper. Und sie gab ihrer Freude Ausdruck, in einer historisch so bedeutenden Spielstätte auftreten zu dürfen.

Das Konzert der 39-jährigen britischen Sängerin und Gitarristin beschloss am Samstag das Jazz Fest Wien. Im Unterschied zu vielen prominenten Acts, die über die Jahre weg hier aufgetreten sind, passt Rae tatsächlich in den Rahmen. Gerne vermittelt sie ihre persönliche, von Größen wie Stevie Wonder, Bill Withers oder Roberta Flack beeinflusste Deutung von Soul über einen dezenten Jazz-Groove, der ihrer Musik Elastizität verleiht.


Dazu besingt Corinne Bailey Rae mit einer Stimme, deren Volumen und emotionale Nuancen keine Grenzen zu kennen scheinen, die Liebe und ihre herausfordernden Aspekte. Wenn Rae eine leise Schwäche hat, dann liegt sie im kompositorischen Bereich - ein paar ihrer Songs könnten etwas mehr Abwechslung, Pop-Appeal und Verve vertragen.

Dieses Defizit fällt live allerdings kaum ins Gewicht, denn zum einen kann sich Rae außer an ihrem eigenen, drei LPs schweren Fundus auch bei Fremdkompositionen wie Bob Marleys "Is This Love" bedienen; zum anderen peppen ihre exzellenten Tourbegleiter an Gitarre, E-Piano, Keyboards, Bass und Schlagzeug den Sound mit Spannung und Fallhöhe auf. Die Hauptakteurin, die anfangs noch mit ausladenden Armbewegungen die Aura einer gravitätischen Schwere vermittelte, lockerte sich rasch und fegte am Ende ausgelassen über die Bühne. Freimütig gab sie Einblicke in ihre Arbeits- und Gefühlswelt, bekundete ihre Absicht, die Klimt-Ausstellung anzuschauen; erzählte, dass der Frühling ihre favorisierte Jahreszeit ist, worauf sie ein beseeltes "Green Aphrodisiac" von ihrem bislang letzten Album "The Heart Speaks in Whispers" (2016) zum Besten gab. Am Ende saß kaum jemand mehr.

Ähnlich bei Cee-Lo Greens Auftritt tags davor: Dass der Mann ein Problem haben dürfte, hätte bereits der eine oder andere Songtext nahelegen können. Seit einem nur als vergewaltigungsapologetisch zu verstehenden Tweet aber wird einem richtig unangenehm, wenn man an Cee-Lo Green denkt.

Innerer Widerstand
Mit diesem inneren Widerstand also erlebt man den 43-jährigen US-Amerikaner im Rahmen des Jazz Fest in der Wiener Staatsoper dabei, wie er sein Publikum trotz zahlreicher nicht besetzter Plätze musikalisch aber vom ersten Ton an begeistert. Egal ob in Soul-Preacher-Manier, als Einheizer für die Funkparty, als Schöpfer locker aus dem Ärmel geschüttelter Poprefrains - oder als Rapper: Cee-Lo Green verfügt nicht nur über die charismatischste Stimme, die man seit Ewigkeiten live erleben durfte. Er hat mit sechs (wie er selbst) in auf Weihepriester maßgeschneiderten weißen Walla-Walla-Kleidern steckenden Musikern auch eine fantastische Band mit dabei.

Überraschenderweise präsentiert sich Cee-Lo Green weniger als genuiner Solokünstler, der nach Ursprüngen im Hip-Hop als die eine Hälfte von Gnarls Barkley Vintage-Soul mit modernistischer Elektronik und Pop kurzgeschlossen und fünf eigene Alben vorgelegt hat. Nein. Es wird die Live-Jukebox angeworfen und Cee-Lo-Green-Material in ein (Cover-)Programm eingerührt, das auch zahllose Querverweise kredenzt. Zwischen einer "Let’s Dance"-Hommage an David Bowie oder "September" von Earth, Wind & Fire kann Green einen Song auf Basis von "Billie Jean" hochköcheln oder uns angespielte Erinnerungen an Kraftwerk oder Daft Punk offerieren. Jederzeit bleibt ein knochentrockener Groove der Kitt, der alles zusammenhält. Am Ende sind die Hits - "Crazy", "Smiley Face" und "Fuck You" - nur die Draufgabe für ein Publikum, das sich in dieser Musik längst verloren hat.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-09 12:52:52
Letzte Änderung am 2018-07-09 13:40:37



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