• vom 14.07.2018, 10:00 Uhr

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Nicht weniger als alles




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Mobiler Sound

"Lamp Lit Prose" ist das, was unsereins gerne eine Wundertüte nennt, quasi ein musikalisches Äquivalent zu einer Shakespear’schen Komödie: reichhaltig und vor Detailwitz, Effekten und Ideen überquellend, anheimelnd und anspruchsvoll zugleich. Longstreth will nicht weniger als alles: Die Welt umarmen und das Böse bannen, Romantik und Liebe, Spiritualität und universelles Verständnis.

Wie er das musikalisch inszeniert hat, macht enorm viel Spaß. Streicher (das Calder Quartett), ein Bläser-Trio und - bei Dirty Projectors wichtiger als anderswo - perkussive Polyrhythmik (Mauro Refosco) machen den Sound auf eine Weise mobil, dass einen der Schwindel befallen könnte. Dazu bringt Longstreth (mehr als bei ziemlich jeder anderen Platte der Band) seine Gitarre in Anschlag: ein eigentümlicher Zwitter aus fast klassisch schönem akustischem Spiel, lockeren Einflüssen afrikanischer Musik und ausgelassenen Rock-Attacken, denen man Übermut und einen fast kindischen Spaß am Krachmachen anhört.

Burlesker Einsatz

Auch seine sonore Stimme, die durchaus einen Vergleich mit dem großen Tim Buckley verträgt, hat Longstreth noch selten einem so gnadenlosen Dehnbarkeits- und Belastungstest unterzogen wie hier mit seinen vielen Falsett-Einlagen und Intensitätsverschiebungen.

Es gibt unter den neun Titeln des achten DP-Longplayers keinen wirklich schwachen. Denn der einzige, der das Zeug dazu hätte - der zunächst sich allzu besinnlich anlassende Abschlusssong "(I Wanna) Feel It All" -, befreit sich mit Tempowechseln, einem vertrackten Vokalarrangement und einem schlichtweg Ehrfurcht erregenden Streicherarrangement triumphal aus dem Morast der Langeweile.

Wie bei Dirty Projectors Usus, ist aus "Lamp Lit Prose" eine - nicht zu eng gefasste - Dramaturgie herauszulesen. Am Anfang, im Opener "Right Now", findet man den Protagonisten in einem bedrohlich-apokalyptischen Szenario als Zweifler, der nur eines weiß: dass er keine Zeit zu verlieren hat.

Doch die (Er-)Lösung wartet gleich um die Ecke. Aus einem quirligen Gitarrenmotiv mit sonnigem Karibikflair schält sich ein Song, der den kräftigen Titel "Break-Thru" trägt und wie ein fröhlicherer Nachkomme von "About To Die" anmutet: Zu einer unbekümmert absurden Aneinanderreihung von Bildern, Namen und Motiven aus der Antike und der Populärkultur (Ekklesiastes, Archimedes, Fellini, Strokes-Sänger Julian Casablancas . . .) wird eine frische Liebe gefeiert, die offensichtlich das Selbstwertgefühl des Ich-Erzählers befeuert.

Der Kausalkette "Neue Liebe - Neue Kraft" begegnet man auf dieser Platte noch einige Male: In "I Feel Energy" etwa einem dominanten, an Otis Redding und entfernt auch an Rock-Jazz à la frühe Chicago erinnernden Bläsersatz überantwortet. Auch in "Blue Bird" kommen die Bläser zu einem prominenten, hier entzückend burlesken Einsatz, während sich "I Found It in U" stärker dem Rock annähert.

Dem Ernst der politischen und gesellschaftlichen Großwetterlage wird indes an der Schnittstelle von Folk und Rock mit "That’s A Lifestyle" und dem mit B-Movie-Horrormotiven spielenden "Zombie Conquerer" Tribut gezollt. Das Welttheater des David Longstreth, erzählt in knapp 38 Minuten.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-12 17:04:56
Letzte Änderung am 2018-07-12 17:14:46



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