• vom 19.07.2018, 21:00 Uhr

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Die (Un-)Kultur der Mitschuld




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Von Andreas Rauschal

  • Ebony Bones und ihr politisch aufgeladenes neues Studioalbum "Nephilim".

Zurück und kampfbereit: Ebony Bones.

Zurück und kampfbereit: Ebony Bones.© Antonello Trio Zurück und kampfbereit: Ebony Bones.© Antonello Trio

Dass die Frau eher nicht mit dem Strom schwimmt, war bereits im Jahr 2009 klar. Damals veröffentlichte die 1982 als Tochter eines aus der Karibik stammenden Plattenhändlers mit fixem Stand auf dem Brixton Market und einer als Fashion-Agentin unter anderem für Moschino tätigen Mutter in London als Ebony Thomas geborene Musikerin Ebony Bones ihr Debütalbum mit dem Titel "Bone Of My Bones".

Dieses bot neben einer störrischen Mischung aus ruppigen Gitarren, tanzbarem tribalistischem Trommelgepolter, Hip-Hop-Elementen und Poprefrains zu beigestellter Elektronik Songs über den Großen Bruder und andere Ärgernisse, gegen die bereits mit den Titeln selbst vorgerückt wurde: "W.A.R.R.I.O.R.", "In G.O.D We Trust (Gold, Oil & Drugs)". Aber auch im zwischenmenschlichen Bereich markierte Ebony Bones ihr Terrain und erklärte, dass man es sich mit ihr besser nicht verscherzen sollte. Wobei hier wiederum Songs wie "Im Ur Future X Wife" und vor allem "Don’t Fart On My Heart" auch nicht ohne (einen etwas eigenwilligen) Humor auskamen.

Mit Trauerflor

In ihrem Vorleben kann Frau Thomas wiederum darauf verweisen, im Alter von zwölf Jahren vom damaligen Leiter des Shakespeare Globe Theatre als Schauspielerin entdeckt worden zu sein. Drei Jahre später folgte ein Engagement für die beliebte britische TV-Soap "Family Affairs", bevor erste eigene Songs am Laptop geschrieben und zunächst im Netz auf MySpace (wer erinnert sich?) veröffentlicht wurden. Im Dezember 2009, im Jahr ihres Debütalbums also, erlebte man Ebony Bones dann auch live in Wien, wo ein kurzes, aber intensives Konzert mit närrischem Verkleidungsrambazamba um 0:45 Uhr im Flex doch noch begonnen wurde. Auch gegen zu viel Tageslicht rebelliert Pop immer gerne.

Im Fahrwasser von Acts wie M.I.A. oder Santigold rezipiert, deren Karrieren den nötigen kommerziellen Erfolg einfahren konnten, wurde es um Ebony Bones im Anschluss aber bald wieder ruhig. Ein größtenteils von einer Reise nach Indien geprägter Nachfolger mit dem Titel "Behold, A Pale Horse" ging im Jahr 2013 unter. Damals hatte sich die Künstlerin mit ihrem eigenen Label 1984 Records um ein weiteres Stück unabhängiger von der Musikindustrie gemacht.

Nach einer Zusammenarbeit mit Yoko Ono für deren Remix- und Kollaborationsalbum "Yes, I’m A Witch Too" von 2016 und somit der Begegnung mit einer Art Mutter im Geiste begegnen wir Ebony Bones heute nicht nur als Kämpferin für die Sichtbarkeit von Frauen im Pop, die ihren nun erscheinenden dritten Streich, "Nephilim" (1984 Records/Tunecore), selbstverständlich selbst produziert hat. Wir erleben die Sängerin entlang der Pole Brexit und (in dessen Umfeld begünstigter) Fremdenfeindlichkeit angriffiger denn je - wenn sich zwischen den nach wie vor störrischen Momenten der Grundton auch etwas verändert haben mag und gleich eingangs mit einem herbstlichen Streichermotiv der akustische Trauerflor Einzug hält: "A giant issue here / A giant cross to bear". Diese Zeilen erweisen sich als mindestens programmatisch.


Immerhin stellt sich Ebony Bones mit einem Chor aus Kindern und Jugendlichen für ihr Cover des Reggae-Klassikers "Police And Thieves" nahe an die #BlackLivesMatter-Bewegung und gegen rassistisch motivierte US-Polizeigewalt. Und sie singt nicht zuletzt in einem Kernstück namens "Kids Of Coltan" beklemmend über Neo-Kolonialismus und moderne Sklaverei in Form von Kinderarbeit in Coltan-Minen im Kongo, in denen der Abbau zur Herstellung von Smartphones und Tablets benötigten Coltans nichts weniger bedeutet als eine westliche (Un)-Kultur der Mitschuld.

Zwischen leitmotivischen (Streicher-)Arrangements, die dank einer Zusammenarbeit mit dem Beijing Philharmonic Orchestra gerne auch um fernöstliche Motive erweitert werden, und Gastauftritten von Lonnie Youngblood, dem einstigen Saxofonisten von James Brown und Jimi Hendrix, überführt Ebony Bones mit einem Sample auch noch die berühmte "Ströme von Blut"-Rede des konservativen britischen Abgeordneten Enoch Powell von vor fünfzig Jahren als Mahnmal ins Heute.


Musikalisch fällt das Album leider zwar deutlich weniger zwingend aus als seine Botschaften. Allein, weil Ebony Bones hier ebenso solidarisch wie womöglich von Johnny Cash inspiriert die "Woman in Black" gibt, ist ihre Wiederkehr aber jedenfalls herzlich willkommen: "Today I’m wearing black / To mourn my apathy / Democracies are rarely seen / Just hypocrisies."





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-19 16:20:06
Letzte Änderung am 2018-07-19 16:43:08



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