• vom 21.07.2018, 08:00 Uhr

Pop/Rock/Jazz


Sand

Reif für die Insel




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Von Andreas Rauschal

  • Wenn Pop am Sand ist, hat das nicht immer mit Urlaub zu tun. Eine Vermessung von Brian Wilson bis Chris Isaak.

Eine Karriere wie auf Sand gebaut: die Beach Boys im Jahr 1962. - © Getty Images/Michael Ochs Archives

Eine Karriere wie auf Sand gebaut: die Beach Boys im Jahr 1962. © Getty Images/Michael Ochs Archives

Sand ist nicht nur eine obskure Band aus Berlin mit Neigung zu surrealem Krautrock, deren einziges, 1974 veröffentlichtes Album "Golem" einem Szenepublikum unter Mithilfe des britischen Musikers David Tibet vor allem rückwirkend bekannt wurde. "Sand" ist neben einem Jazz-Fusion-Werk des Gitarristen Allan Holdsworth von 1987 auch ein Song, den Lee Hazlewood 1966 für Nancy Sinatra geschrieben und mit dieser im Duett zum Besten gegeben hat. Den Tunichtgut und Hauptprotagonisten des Stücks, konsequenterweise selbst auf den Namen Sand getauft, wird sein weibliches Gegenüber am Ende zwar in die Wüste schicken. Davor aber darf ein kaltes zynisches Herz noch ein letztes Mal mit dem Feuer spielen: "Young woman share your fire with me / My heart is cold, my soul is free / I am a stranger in your land / A wandering man, call me sand."


Erstaunlicherweise funktioniert der Song auch in einer Coverversion, die die Einstürzenden Neubauten mit Sänger Blixa Bargeld knapp 20 Jahre später in Westberlin einspielen werden. Das ist im Jahr 1985 und somit nur vier Jahre, nachdem Bob Dylan in seiner christlichen Phase auf dem Album "Shot Of Love" vorexerziert - oder besser: vorexorziert - hat, dass man auch Gottesfurcht literarisch über den Topos Sand verhandeln kann. "In the fury of the moment I can see the master’s hand / In every leaf that trembles, in every grain of sand."

Sand begegnet uns in der Popmusik quer durch die Dekaden am laufenden Band. Sehr sicher werden Christina Aguilera und Shakira barfuß am Strand tänzelnd in Musikvideos dramatisch die Haare schütteln, während Bands wie Future Islands schon vom Namen her mit der Möglichkeit einer Insel den Griff ins Paradies anvisieren oder die Kollegen von Beach House verträumt zum Thema passenden Dream Pop liefern. Eng verknüpft mit der Sehnsucht nach Urlaub und Strand und dem Süden, ist aber auch die Melancholie niemals fern.

Kein Sand im Getriebe


Bob Dylans kanadischer Kollege Neil Young geht im Jahr 1969 mit dem "Cowgirl In The Sand" zunächst noch recht zuversichtlich auf Tuchfühlung. Außer über eine Frau, die er anhimmelt ("Hello, cowgirl in the sand / Is this place at your command?") singt er hier über spanische Strände, ohne zum damaligen Zeitpunkt je an solchen gewesen zu sein. Fluchtpunkt. Träume. Eskapismus. Imagination heißt das Zauberwort.

Fünf Jahre später kehrt der Songwriter im großen Stil an den Strand zurück. Sein Album-Klassiker "On The Beach" kommt recht melancholisch daher und hat mitunter den Blues. "I went to the radio interview / But I ended up alone at the microphone / Now I’m livin’ out here on the beach / But those seagulls are still out of reach." Dabei geht es Young wahrscheinlich etwas besser als Leonard Cohen ("Well it’s Father’s Day and everybody’s wounded"), der im Musikvideo zu "First We Take Manhattan" 1988 mit Wintermantel und in Lederschuhen am Sand herumsteht - und es ähnlich bibelallegorisch-endzeitlich anlegt wie Bob Dylan.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-20 11:59:06
Letzte Änderung am 2018-07-20 16:49:20



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