• vom 21.07.2018, 08:00 Uhr

Pop/Rock/Jazz


Sand

Reif für die Insel




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Das ultimative Musikvideo, das sich auf die Themen Sand und Strand - und natürlich auch auf Herz und Schmerz - einen Reim macht, flimmert allerdings erst im Jahr 1991 über den Bildschirm. Es heißt "Wicked Game" und zeigt uns den US-Musiker Chris Isaak, der sich mit dem Topmodel Helena Christensen stoffarm über den Sandstrand wälzt. Danke, MTV! Im echten Leben wird der Drehort auf Hawaii nur wenig später unter Lava begraben. Das ist sehr treffend. Auch das Musikvideo zu "Wicked Game" ist ziemlich heiß, der Song kennt aber trotzdem kein Happy End. "This world is only gonna break your heart." 1991 ist übrigens das Jahr, in dem uns selbst Metallica mit "Enter Sandman" Sand in die Augen streuen.


Und auch daheim in Österreich geht im Austropop einige Jahre lang nichts ohne Sand. Kein Sand im Getriebe! Das Geschäft läuft auf Hochtouren, Hit folgt auf Hit. Die Vorarbeit liefert Arik Brauer mit "Köpferl im Sand" bereits im Jahr 1971. Es geht hier allerdings nicht um den Urlaub, sondern um geistige Kleinkariertheit: "Hinter meiner, vorder meiner, links, rechts güt’s nix / Ober meiner, unter meiner siach i nix." 1982 ist Peter Cornelius "Reif für die Insel". Die STS nimmt den Gedanken drei Jahre später auf und flüchtet mit "Irgendwann bleib i dann durt" vor der Hektomatikwelt in den Süden: "Irgendwo in Griechenland / Jede Menge weißer Sand / Auf mein‘ Rück’n nur dei Hand." Im selben Jahr schlägt Wolfgang Ambros im Musikvideo zu "Longsam wochs ma z’amm" Purzelbäume in den Dünen. Und Sand kommt natürlich auch im Jahr 1986 vor, als wir Klaus Eberhartinger und seiner EAV bei "Fata Morgana" "tief in der Sahara auf einem Dromedara" begegnen. Der Text ist comichaft-überzeichnet - und nicht erst seit heute politisch sehr unkorrekt.


Poetisch-grüblerisch sinnierte kurz zuvor Georg Danzer über "Weiße Pferde" am Strand. Der Song von 1984 ist gut - und melancholisch: "Aber sag mir woran, meine Liebe, glauben wir noch?" Er landet im Ranking der besten Sandsongs aus Österreich nur knapp hinter Sigi Maron (siehe Artikel im "extra"), der uns mit "De Spur von dein nokatn Fuass" von 1981 eiskalt erwischt.

Wer wiederum ein Herz für die Neue Deutsche Welle oder die New Wave der späten 1970er- und frühen 1980er Jahre hat (von der Welle zum Sand ist es niemals weit!), wird ziemlich sicher auch an "Irgendwie, irgendwo, irgendwann" von Nena denken ("Gib mir die Hand / Ich bau dir ein Schloss aus Sand") - oder an Sting, der bereits 1979 mit "Message In A Bottle" von The Police einmal mehr erklärt hat, dass es sich am Strand auch vortrefflich traurig sein lässt: "I’ll send an SOS to the world."

Tränen im Paradies

Dieser Zusammenhang wird nirgendwo deutlicher als im Werk der Beach Boys, und man bekam ihn erst im Vorjahr von gleich zwei Konzerten in Wien demonstriert. Einerseits kündete eine Splittergruppe namens "Beach Boys" um Mike Love von den ausgiebigen kalifornischen Strandfreuden im Zeichen des süßen Vogels Jugend: "Surfin’ Safari", "Catch A Wave", "Surfin’ U.S.A.". Andererseits zeigte das vom Leben gezeichnete Band-Genie Brian Wilson wenig später, dass dieses Strandparadies zwischen Depressionsjahren im Bett und schwerem Drogenmissbrauch schon immer auf Sand gebaut war. Im Jahr 1966 lässt sich Brian Wilson eine Sandkiste in sein Wohnzimmer installieren, um beim Schreiben näher am Thema zu sein.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-20 11:59:06
Letzte Änderung am 2018-07-20 16:49:20



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