• vom 23.07.2018, 14:00 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 23.07.2018, 16:31 Uhr

Popkonzert

Raumschifflandung in 3D




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Von Uwe Schütte

  • Die Düsseldorfer Elektronikpioniere Kraftwerk begeisterten live in St. Margarethen.

Computerliebe: Kraftwerk um Gründungsmitglied Ralf Hütter (links). - © apa/Herbert P. Oczeret

Computerliebe: Kraftwerk um Gründungsmitglied Ralf Hütter (links). © apa/Herbert P. Oczeret

Wenn es einen Wettergott gibt, so muss er Kraftwerk-Fan sein. Kein Wunder, denn die Band aus Düsseldorf gehört seit einigen Jahren zum Besten, was man auf Konzertbühnen sehen kann. Entgegen der ungünstigen Prognose wurden am Sonntagabend im Steinbruch St. Margarethen im Burgenland die rund 3500 Besucher von Gewittern und Regenschauern wie durch ein Wunder verschont.

Information

Popkonzert
Kraftwerk
Steinbruch St. Margarethen
*****

Ein Opfer aber forderten die schlechten Wetteraussichten doch: Die legendäre 40-Kanal-Soundanlage der deutschen Pioniere des Elektropop wurde nicht aufgebaut, stattdessen gab es Kraftwerk in Stereo. Doch selbst das war eindrucksvoll genug für das teils weitangereiste Publikum, sah man doch auf dem Parkplatz neben Kennzeichen aus Ungarn und Wien auch solche aus Berlin und anderen deutschen Städten.

Ein somatisches Erlebnis

Kraftwerk haben seit fünfzehn Jahren kein neues Studioalbum mehr veröffentlicht und ihre eigentlichen Glanztaten stammen aus der zweiten Hälfte der 1970er Jahre. Seit zehn Jahren ist die Band zudem auf nur mehr ein Gründungsmitglied reduziert, den mittlerweile 71 Jahre alten Ralf Hütter. Anstatt irgendwelche minderwertigen Comebackalben auf den Markt zu werfen, hat sich Hütter im 21. Jahrhundert darauf konzentriert, die analog entstandene Musik Kraftwerks zu digitalisieren und mit den neuesten Mitteln der Musiktechnologie zu überarbeiten und zu verfeinern.

Und das war in St. Margarethen auch wunderbar zu hören. Kristallklarer Elektroklang und abgrundtiefe Bässe, etwa beim programmatischen Song "Die Mensch-Maschine" von 1978. Auch das bedrohliche Rattern des heranbrausenden "Trans Europa Express" war nicht nur ein musikalischer Genuss, sondern ebenso ein tolles Klangerlebnis. Immer wieder sensationell ist "Metall auf Metall", das als Vorlage für die Industrial-Sounds vieler anderer Bands diente: Mit den Mitteln elektronischer Klangerzeugung wurde der Zusammenprall von Metallstücken samt der sich dabei überlagernden Schwingungen markerschütternd laut (aber kei-neswegs ohrenbetäubend) zu Gehör gebracht. Kraftwerk, das ist auch ein somatisches Erlebnis. Ganz im Sinne der Aussage von Ralf Hütter: "Musik bringt Schwingungen. Das sind Wellen, die dringen direkt ein. Das ist ihre Kraft."



Kraftwerk sind schon lange keine Popband mehr, sondern ein popmusikalisches Gesamtkunstwerk. Dass Hütter und seine Mitstreiter sich mittlerweile als eine Performancekunst-Gruppe sehen, ist seit ihren Auftritten im New Yorker Museum of Modern Art vom April 2012 klar, bei dem sie an acht Abenden ihre acht Kernalben von "Autobahn" (1974) bis "Tour de France" (2003) quasi in einer Retrospektive vorstellten. Weitere Konzerte an Hochkulturstätten wie der Tate Modern in London, dem Sydney Opera House oder eben auch dem Wiener Burgtheater (im Rahmen der Wiener Festwochen 2014) folgten. Entsprechend könnte man auch ihr Konzert im Römersteinbruch als eine ortsgebundene audiovisuelle Installation verstehen.

Ohne Doppelgängerpuppen

Neben dem riesigen Bildschirm, der hinter den Musikern hing und auf dem die Songs mit eindrucksvollen 3D-Projektionen begleitet wurden, gab es noch zwei weitere kleinere Screens an den beiden Bühnenseiten, die ergänzende
Visuals zeigten.

Hinzu kamen die farbigen Illuminationen der imposanten Felsenschlucht im Hintergrund der Bühne; beim Klassiker "Autobahn" erstrahlten sie in der blauen Farbe des Verkehrsschildes, während sie bei "Die Mensch-Maschine" im Rot des Albumcovers blutig leuchteten. Ein Highlight war auch das Instrumental "Spacelab", bei dem nach einem spektakulären Weltraumflug das Burgenland aus Astronautenperspektive in den Blick kam und das Kraftwerk’sche Raumschiff schließlich im Auditorium im Steinbruch landete.

Genau zwei Stunden lang reihten sich die Perlen aus Kraftwerks Werkkatalog ohne Füller aneinander. Nur eines fehlte: Zum Song "Die Roboter" gab es leider nicht den üblichen Auftritt der mechanischen Doppelgängerpuppen, dafür aber eine frisch arrangierte Version mit neuen Klängen. Und ein paar Tropfen Regen. Auch Petrus selbst schien sich da ein wenig zu ärgern über einen ansonsten nämlich perfekten Abend.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-23 14:08:09
Letzte Änderung am 2018-07-23 16:31:14



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