• vom 02.08.2018, 17:30 Uhr

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Pop

Rauchen und Freikörperkultur




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Von Andreas Rauschal

  • Punk-Gevatter Iggy Pop und Underworld finden sich auf einem gemeinsamen Kurzalbum.

Gemeinsame Sache: Underworld (Karl Hyde, Rick Smith) und Iggy Pop (rechts). - © Rob Baker Ashton

Gemeinsame Sache: Underworld (Karl Hyde, Rick Smith) und Iggy Pop (rechts). © Rob Baker Ashton

Vermutlich ist es ein Wunder, jedenfalls: Iggy Pop hat es überlebt. Neben den körperlich gefährlichen Auftritten seinerzeit mit den Stooges, (der Vorwegnahme von) Punk und mittlerweile fünf Jahrzehnten im Rock-’n’-Roll-Geschäft wäre natürlich auch die Sache mit dem Heroin ins Feld zu führen, die ziellose Jahre als Stray Dog und tickende Zeitbombe auf der Suche nach Nachschub mit sich gebracht hat.

Information

Underworld & Iggy Pop
Teatime Dub Encounters
(Caroline/Universal)

Das Elektronikduo Underworld wiederum mag in jungen Jahren auf bescheidenerem Niveau mit dem Ausschweifen seine Erfahrung gemacht haben, es ist nach der privaten Sesshaftwerdung per Familiengründung aber, soweit man es weiß, substanzlos und skandalfrei unterwegs. Berühmt wurde das zumindest vom Namen her abgründige Doppel mit seinem Track "Born Slippy.Nuxx" und dessen berüchtigtem Schlachtgesang und Bierbestellruf "Lager! Lager! Lager!" inklusive Neigung zum "mega mega white thing." Mutter, der Mann mit dem Koks ist da!


"Born Slippy.Nuxx" war der eine Hit aus Danny Boyles Drogenfresserfilm "Trainspotting" von 1996. Iggy Pops von David Bowie produzierter und hier wiederverwendeter Song "Lust For Life" von 1977 der zweite. Er markierte einen weiteren Karrierefrühling des Punk-Gevatters und ewigen Rock-Untoten Iggy Pop, der auch zu zahlreichen Kollaborationen mit Namen wie Cat Power, Peaches, New Order oder 2016 zum gemeinsam mit Mitgliedern der Queens Of The Stone Age und der Arctic Monkeys eingespielten feinen späten Album "Post Pop Depression" führte.


Aus einer ursprünglich angedachten Zusammenarbeit von Iggy Pop und Underworld für das Film-Sequel "Trainspotting 2" wurde im Vorjahr zwar nichts. Die bereits unternommenen und aufgezeichneten Sessions aus einem Zimmer im Savoy Hotel in London (ein Dankeschön an dieser Stelle an die duldsamen Nachbarn!) wurden dann aber doch nicht geschreddert und liegen nun unter dem ironischen Titel "Teatime Dub Encounters" in Form einer knappen und unterhaltsamen 4-Track-EP vor.

Mit Underworld-Frontmann Karl Hyde (und der Tochter seines Kollegen Rick Smith mit einem Einschub im Zeichen ätherisch-esoterischen Wald-und-Wiesengesangs) im noblen Hintergrund und Iggy Pop, der hier mit Erzählstimme zu monotonen Beats und schweren, schwer knarzenden Synthesizern gerne auch Sprechstücke zum Besten gibt, geht es gleich einmal komisch los.

Iggy Pop erinnert sich bei "Bells & Circles" wohlig an eine Zeit vor dem Krieg - also etwa auch daran, dass man damals in Flugzeugen rauchen durfte ("Those were the golden days of air travel!") und die Telefonnummern der Stewardess klargemacht - und sie wegen Komplikationen im Schneegestöber blöderweise gleich wieder verloren - hat. The drugs don’t work: "The stewardess would’ve been better than the cocaine!"

Oben ohne in den Dienst

Überhaupt beginnt Iggy Pop hier über die Verbotskultur zu sinnieren, stellt die von der Sittenpolizei mit erhobenem Zeigefinger beantwortete Frage nach der Moral von der Geschichte ("You can’t do that!") und endet mit der Zeile "It’s over for the liberal democracies" als Conclusio. Dazu eine Gnackwatschn für gesellschaftlichen Gehorsam und ausbleibenden Widerstand mit einer hübschen Paraphrase des großen Souljazz-Poeten Gil Scott-Heron: "There will be no revolution. And that’s why it won’t be televised."

Das kontemplativ-zurückgefahrene "I’ll See Big" präsentiert einen Iggy Pop, der das Thema Freundschaft reflektiert ("I wanted to have some friends / But not a lot of people wanted to be my friends") und den Faktor Leistungsverweigerung auch hier einbringt. Wir begegnen dem jungen James Newell Osterberg Jr., der neben dem Konsum von Drogen in der Gruppe nur ein Ziel im Leben hat, das im Wesentlichen darin besteht, nicht arbeiten zu gehen.

Der Rest ist Geschichte. Die Tatsache, dass Iggy Pop bis heute in Skinny-Fit-Jeans und mit nacktem Oberkörper als Dienstkleidung auftritt, führt zum Abschluss noch zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen Außenwirkung, gerade auch hinsichtlich der partiellen Freikörperkultur im Bereich "oben ohne": "Don’t try hard to be a flirt / Get your shirt! / It’s getting harder to be free / It’s getting so much harder to be me!"

Vielleicht kommt ja auf Twitter noch jemand auf die Idee, Iggy Pop als alten weißen Mann oder Grindsack zu bezeichnen.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-02 16:35:21
Letzte Änderung am 2018-08-02 16:41:55



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