• vom 08.08.2018, 12:20 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 09.08.2018, 09:23 Uhr

Popkonzert

Ein Pizzaburger mit Gefühlen




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Von Andreas Rauschal

  • Der britische Popstar Ed Sheeran gastierte an zwei Abenden im Wiener Ernst-Happel-Stadion.

Out-of-Bed-Look und Gitarre: Ed Sheeran (hier in München) war in Wien. - © Roland Mühlanger / picturedesk.com

Out-of-Bed-Look und Gitarre: Ed Sheeran (hier in München) war in Wien. © Roland Mühlanger / picturedesk.com

Mein Gott, weiße Tennissocken! Das geht, außer unter Tennisspielern oder in besonders hart gesottenen Hipsterkreisen, eigentlich gar nicht. Ed Sheeran wird von seinen Fans zwar genau dafür geliebt, knuffig-zerzaust im Out-of-Bed-Look samt T-Shirt von gestern und einer Frisur, von der jede durchschnittliche österreichische Oma sagen würde, Bub, das ist keine Frisur, nicht nur zu Spielen seines Lieblingsvereins ins Stadion oder mit den fünf besten Freunden am Freitagabend zum Bierbechern ins Pub zu gehen. Nein. Der 27-jährige Brite bestreitet im Stadion auch eigene Konzerte auf eine modische Weise, die man nur als runtergebrezelt bezeichnen kann.

Ein Schrei nach Liebe

Ehe der Mann etwa im Wiener Ernst-Happel-Stadion beim Auftakt eines zweitägigen Konzertmarathons vor insgesamt mehr als 100.000 Besuchern am Dienstag doch nicht in einem mit dem "Puma"-Logo von Herbert Kickl bestickten Leiberl, sondern eh nur im Nationaldress der österreichischen Fußballnationalmannschaft singen wird (wir sind an dieser Stelle gegen Konzertende sehr erleichtert!), darf man sich aber trotzdem so seine Gedanken machen.

Warum sind all die Leute da? Was mache ich hier?? Und: Wie lange kann es für Ed Sheeran selbst noch gutgehen, Authentizität vermitteln wollend auszusehen wie ein zu groß gewachsener Teenager, der sich nicht waschen will?

Aktuell ist der Hornbrillenträger in der kurzen Hose, der sagt, dass er hier sei, um uns zu entertainen, jedenfalls nicht nur Spotify-Streams im Fastilliardenbereich zufolge der Popstar der Stunde. Auch die Beliebtheit eines eigenen Instagram-Accounts für seine Katzen erklärt neben der Sache mit dem Erfolg auch das Konzept, von dem angenommen werden soll, dass es nicht existiert. Es ist, abgerundet um mit zwischen Schmuseballade und Kuschelhit angesiedelten Songs, die nach einem stummen Schrei nach Liebe und Sex aus Mitleid oder wie der neueste Werbespot eines Versicherungsunternehmens klingen, das uns mit Gefühlen das Geld aus der Tasche ziehen will (Aber! Nicht! Mit! Mir!), ungefähr so kalkuliert wie das Marketing hinter Mischprodukten, deren Einzelteile Bestseller sind. Stellen wir uns Ed Sheeran als singenden Pizzaburger vor, neben den man per Photoshop eine Babykatze und ein Einhorn montiert. Oh! My! God!

Zuletzt herrschte Verwunderung, weil die aktuelle Konzertreise des Sängers mit einer Soloshow an der akustischen Gitarre ausgerechnet durch den wenig intimen Rahmen von Fußballstadien führt. In denen ist man musikalisch ja daran gewöhnt, dass sie von AC/DC mit Burschi-Hardrock und TNT auf Gitarrenbasis gleich wieder gesprengt werden, sofern uns Helene Fischer darin nicht atemlos verschlagert oder Bono von U2 sich mit hohler Geste erneut im Zu-uns-herab-Predigen übt. Dabei darf man sich daran erinnern, dass man Simon & Garfunkel und Cat Stevens bereits ab den 60er Jahren auf auf Rasen gelegten Gummimatten erleben konnte, wobei es neben besseren Songs noch keine nach Käsekrainer riechenden Würstlhütten am Areal und auf der Bühne keine Loopstation gab.

Alle, alle singen mit

Mit Letzterer sorgt Ed Sheeran auch live in Wien für ein Konzertgefühl, das jenes eines reinen Vortragsabends in einer U-Bahn-Station übersteigt - und für ein paar Tonspuren mehr, die eine möglicherweise eh nur lästige Band kostenschonend ersetzen.

Je knapp zwei Stunden lang wird mit Zupfballaden um Stücke wie "Happier" oder das in Richtung Andachtsgesang gedeutete "Tenerife Sea" von einem teils eher potscherten Liebesleben (Mitleidssex!) gekündet und Einsprengseln von irischer Pub- und Bierbecherfolklore nachgegeben, während bei Songs wie "Sing" oder "Shape Of You" dann auch der nötige Wumms möglich ist. Wir hören auf Justin Timberlake gestimmten Dosen-R&B aus der Körpermitte, der aus einschlägigen Denkfabriken in LA als Stangenware nach Europa exportiert wird, solange der US-Präsident da noch mitspielt.

Ed Sheeran sagt, warum er Österreich toll findet (es hat etwas mit dem Schnitzel zu tun), oder wieso er kein guter Tänzer ist (es hat etwas mit ihm zu tun). Und er sorgt mit dem Roxette-Plagiat "I See Fire" und dem Song gewordenen MDMA-Selbsterfahrungstrip "Bloodstream" für die Erkenntnis, dass er ja doch auch ein schlimmer Bub sein kann.

Am Ende ist und bleibt man allerdings überrascht, wie viele Menschen es gibt, die Songs von Ed Sheeran nicht nur kennen, sondern sie auch noch auswendig mitsingen können. Ob in diesem Zusammenhang schon einmal über den Begriff "Katzenmusik" nachgedacht wurde, ist übrigens nicht überliefert.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-08 12:32:28
Letzte Änderung am 2018-08-09 09:23:57



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