• vom 11.08.2018, 09:00 Uhr

Pop/Rock/Jazz


Pop

Der Teufelskerl




  • Artikel
  • Lesenswert (4)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Bruno Jaschke

  • Vor 80 Jahren endete das kurze Leben der Delta-Blues-Legende Robert Johnson, über das es nur wenige Fakten und umso mehr Mythen gibt.



"Er griff sich die Songs einfach aus der Luft . . .": Robert Johnson (1911-1938).

"Er griff sich die Songs einfach aus der Luft . . .": Robert Johnson (1911-1938).© Ullstein Bild / Heritage Images "Er griff sich die Songs einfach aus der Luft . . .": Robert Johnson (1911-1938).© Ullstein Bild / Heritage Images

Man kann davon ausgehen, dass Robert Johnsons 27 Jahre langes Leben kein schönes Ende genommen hat. Vermutungen, wie genau es vor sich gegangen sein könnte, zwingen mangels Faktensicherheit zum Konjunktiv und inflationären Gebrauch des kleinen Verbs "soll": Ein eifersüchtiger Ehemann soll in der Nähe von Greenwood, einer Kleinstadt im Nordwesten des Bundesstaats Mississippi, seinen Whiskey vergiftet haben.

Drei Tage soll sich sein Sterben hingezogen haben, am Ende soll er auf dem Boden herumgekrochen sein und wie ein Hund gebellt haben. Relativ zuverlässig ist nur das Datum seines Ablebens (durch die Sterbeurkunde) belegt: der 16. August 1938. Weder weiß man die genaue Location des mutmaßlichen Verbrechens, noch, welches von drei Gräbern im Leflore County in Mississippi nun tatsächlich Robert Johnsons Überreste beherbergt.

Von Robert Johnson existieren ungefähr dreißig Songs und zwei gesicherte Fotos: Das eine (siehe Abbildung rechts) ziert heute, allerdings ohne die schamhaft wegretuschierte Zigarette im Mundwinkel, eine US-Briefmarke. Das andere zeigt einen gut aussehenden, vor allem gut aufgelegten jungen Schwarzen in feinstem Zwirn und damit das genaue Gegenteil des Bildes eines von Höllenhunden verfolgten Schmerzensmannes, das die Pop-Mythologie von ihm gefertigt hat.

Die verkaufte Seele

Neben seinem Geburtsdatum (8. Mai 1911 in Hazlehurst, Mississippi) ist noch bekannt, dass seine erste Frau und sein Kind bei der Entbindung starben und auch die zweite Ehe nicht hielt - auch weil Johnson für Auftritte permanent auf Achse war. Ende der Fakten. Der Rest sind Vermutungen - und vor allem Mythen wie jener, Johnson habe an der Kreuzung der Highways 61 und 49 im Austausch gegen gitarristische Fertigkeiten seine Seele dem Teufel vermacht.

Dass Mythen ein biegsames Material für postumen Ruhm sind, ist der eine der zwei wesentlichen Gründe, dass just Robert Johnson und nicht einer seiner musikalisch wie lyrisch ähnlich (oder sogar noch stärker) avancierten Zeitgenossen wie Charlie Patton, Kokomo Arnold oder Skip James als das ikonografische Gesicht des Delta-Blues in die Geschichtsbücher eingegangen ist.

Als zweiter Faktor spielte ein historischer Zufall mit: 1961 veröffentlichten Columbia Records eine Kompilation mit dem Großteil jener legendären Aufnahmen, die Johnson im November 1936 und im Juni 1937 jeweils in behelfsmäßigen Studios in Texas aufnahm. Ihr Titel "King Of The Delta Blues Singers" ist eine pure self-fulfilling prophecy.

Nie hatte es bis dahin einen Robert Johnson als öffentliche Persona gegeben. Maximal war Johnson eine lokale Größe in und um Mississippi. Obendrein wurde der Delta-Blues bald nach Johnsons Tod von seinem elektrifizierten Verwandten aus Chicago verdrängt. Die Stunde schlug nun Akteuren wie Muddy Waters, Howlin’ Wolf oder John Lee Hooker, der Delta-Blues interessierte selbst im Süden kaum mehr jemanden.




weiterlesen auf Seite 2 von 3




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-09 15:50:31
Letzte Änderung am 2018-08-09 16:05:43



Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Fulminanz trotz Zehenbruchs
  2. Melancholie als Antwort an die Zukunft
  3. Poppea mit neuem Dreh
  4. Die Büchertipps von Barack Obama
  5. 100 Bands auf zehn Bühnen im 9. Bezirk
Meistkommentiert
  1. Lieber Ed, gib uns ein WC
  2. auf der prossen 3
  3. "Trump ermuntert Diktatoren"
  4. Ein Pizzaburger mit Gefühlen
  5. ORF spränge nur bei Kostenübernahme ein


Quiz


Sean Godwells Entwurf einer Kapelle erinnert beim ersten Auftritt des Vatikans auf der Architekturbiennale in Venedig auf den ersten Blick an einen aufklappbaren Würstelstand.

Shepard Fairey vor seinem Mural am Wiener Flughafen. Eleni Foureira aus Zypern während ihres Probe-Auftritts in Lissabon. 

Das Siegerfoto mit dem Titel "Venezuela Krise", es zeigt einen 28-jährigen Mann mit brennendem Oberkörper während heftiger Proteste gegen Präsident Nicolas Maduro in Caracas im Mai 2017.  Romy Schneider wurde am 23. September 1938 als Rosemarie Magdalena Albach in Wien geboren. Die Schauspielerei ist ihr in die Wiege gelegt geworden: Ihre Eltern und sogar ihr Ururgroßvater waren Schauspieler. Ihren Künstlernamen verwendete sie kurz nach ihrer ersten Filmrolle in den 1950ern.


Werbung