• vom 12.08.2018, 09:00 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 13.08.2018, 13:59 Uhr

Pop

Trendstaubsaugen mit Pussy-Hauberl




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Heute junge Acts haben es mit dem Sündigen entschieden schwerer. Auf Kosten von verkaufsankurbelnden Skandalen oder der Sache mit dem "Sex sells" hat sich in der Zwischenzeit vermutlich auch der siebte konservative Zwerg an die handelsübliche Dosis Porno gewöhnt.

Die Überlebende

Der in den 80er-Jahren popkulturell sozialisierte Mensch hat es ja nicht leicht. Stichwort Lebenserwartung. Einstige Michael-Jackson-Fans? Ein trauernd-moonwalkendes Grüppchen. Prince-Fans der ersten Stunde? Hier geht’s zum Mausoleum. Wanna dance with Whitney Houston? Es wird ein einsames Geschunkel. Nur eine tanzt quasi auf all diesen Gräbern: Madonna hat ihre Konkurrenten der 80er spielend überlebt. Mit ihrem bullenpenisharten Bizeps boxt sie gezielt alle Gesundheitsgefährdungen des alternden Popstartums weg. Vielleicht hält sie auch ihr anhaltendes Scharmützel mit einem anderen Survivor am Leben: Elton John, der hingebungsvoll seinen Sympathieschwund für Madonna zelebriert und sie am Höhepunkt der Feindseligkeit gar mit einer "Praterhure" verglich. Ärger hält jung, davon hat Madonna genug. Dadurch erlebt sie aber wiederum, dass sich auch ihr Berufsstand mittlerweile selbst überlebt hat. Das Prinzip Pop-Superstar ist heute ja nur mehr in kaugummibunten "Bravo"-Archivausgaben zu finden.

Die "Feministin"

Je älter Madonna wird, desto lauter werden Huldigungen ihrer Person als "Ikone des Feminismus". Immerhin hielt sie mit Pussy-Hauberl eine Rede beim Women’s March 2017, wo sie sich hernach dafür entschuldigen musste, dass sie das Weiße Haus in die Luft sprengen will. Für den Status Feministin gibt es ein schnurrendes Argumentewirrwarr. Madonna habe der (Männer-)Welt gezeigt, dass auch Frauen hyperschwerreiche Superstars werden können, zum Beispiel. Alltagsnähere Zugänge konzentrieren sich auf ihren Beitrag zur sexuellen Befreiung der Frau. Das ist eine kuriose Deutung: Hat doch Madonna mit ihrer Sexualität Zeit ihrer Karriere vor allem Fankapital aus deren Portemonnaie befreit. Die Vermarktung des Körpers mag für den Pop pionierhaft selbstbestimmt gewesen sein, ob sie als feministisches Vorbildwirken gelten darf, sei dahingestellt. Viele konstruieren Madonnas Feminismus nicht aus ihrer eigenen Aktivität, sondern aus den Reaktionen, die sie hervorruft. Dass man ihr etwa "sexistisch" vorwirft, nicht in Würde altern zu wollen. Welch unhaltbare Bosheit! Gegenüber einer Frau, die in ihrer schwer retuschierten "Happy 60er"-Fotostrecke in der "Vogue" ohne auch nur eine Runzel an Gesicht und Oberschenkel an einem Bund Wiesenblumen schnuppert, als hätte sie ihn zur bestandenen Matura bekommen.

Die Trendstaubsaugerin

Die Assimilierung der Gay-Kultur mit House-Beats aus der Schwulen-Disco samt dazugehörigem Tanzstil in Lack und Leder. Konzeptshows mit Kunstanspruch und feschen Designern. Musical-Schmachtfetzen, Dancefloor-Hits und Elektrowumme. Hip-Hop-Beats und Digital-R&B. Händeringender Gospelchor. Dazu spiritueller Unterboden über ein Privatstudium der Kabbala und die Popularisierung indischer Körperbemalung mit Henna im Westen. Die Wiederentdeckung ABBAs zum Discotanzen im Heute... Das Kunststück von Madonna ist doch eines: Die Frau hat es geschafft, quer durch die Moden trendstaubzusagen, damit aber als Trendsetterin wahrgenommen zu werden. Vor allem in der Blütephase konnte Madonna den Zeitgeist treffen, spätestens seit dem Album "Hard Candy" und somit auch schon wieder zehn Jahren hinkt sie ihm hinterher.

Ein derzeit entstehendes neues Album nimmt mit dem Fado angeblich Einflüsse aus der Wahlheimat auf. Ein erster daraus gehörter Auszug mit dem Titel "Beautiful Game" klingt zwischen Subbässen, Auto-Tune und Mönchsgesang aber eh wieder vertraut katholisch nach Hexenverfolgung: "People tell me to shut my mouth / That I might get burned / Keep your beautiful lies / ’Cause I’m not concerned."


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Dokument erstellt am 2018-08-10 13:26:32
Letzte Änderung am 2018-08-13 13:59:41



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