• vom 18.08.2018, 09:00 Uhr

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"Nennt mich Christa!"




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Von Alexander Kluy

  • Die Frau, die nicht Nico sein wollte, aber als Nico mit The Velvet Underground in die Geschichte einging. Eine neue Biographie schildert das Leben der Sängerin (1938-1988).



Ein Bild aus besseren Tagen: Christa Päffgen alias Nico im August 1965.

Ein Bild aus besseren Tagen: Christa Päffgen alias Nico im August 1965.© Ullstein Bild/TopFoto Ein Bild aus besseren Tagen: Christa Päffgen alias Nico im August 1965.© Ullstein Bild/TopFoto

Ein Mittzwanziger. Eine Endzwanzigerin. Sie blond. Er dunkel. Sie mit akzentuierten Wangenknochen, ziemlich schmal, fragend bis skeptisch blickend. Er hat einen Wuschelkopf. Blitzen seine Augen auf? Das sieht man nicht. Denn auf dem Foto, das in einem Musikstudio entstand, trägt er eine große schwarze Sonnenbrille.

Er: Das war Lou Reed aus Brooklyn, der schon viel gemacht hatte, etwa für eine Musikfirma am Fließband Popsongs geschrieben. Ein hochkreativer jüdisch-amerikanischer Rebell. Sie: Das war Nico. Legende, Mythos und Musik-Ikone. Nicht umsonst war eine Dokumentation über sie "Nico - Icon" betitelt. Dabei hieß sie ganz anders, nämlich Christa Päffgen. Und war die Tochter eines deutschen Wehrmachtssoldaten.

Köln, Paris, New York

Geboren wurde die Sängerin am 16. Oktober 1938 in Köln. Ihr Vater Wilhelm Päffgen entstammte einer alteingesessenen katholischen Brauereifamilie. Die Mutter Grete war protestantisch. Seine Familie drang auf Auflösung der Ehe. Und er trennte sich von Frau und ungeborenem Kind. Vier Jahre später fiel er als Soldat. Mutter und Tochter überstanden den Krieg auf dem Land, zogen Ende der 40er Jahre nach West-Berlin.

Mit 16 wurde Christa Päffgen in Berlin zufällig vom Fotografen Herbert Tobias als Mannequin entdeckt. Dieser gab ihr den Künstlernamen - einen männlichen. Was sich dadurch erklärte, dass Tobias schwul war und sich nach einem gut aussehenden, unerreichbaren Mann namens Nico, der in Paris lebte, verzehrte.

Nico war groß, schlank, blond. Und bald ein Dauer-Werbegesicht in Deutschland, dann in Paris - wo Alain Delon mit ihr einen Sohn zeugte, den er bis heute nicht anerkannt hat. Nico war eine katastrophale Mutter, überließ den kleinen Aaron erst ihrer parkinsonkranken Mutter Greta, dann lud sie ihn bei Delons Mutter ab, woraufhin der Schauspieler zu dieser jeden Kontakt abbrach. Währenddessen modelte Nico in den USA. Und lernte in New York jene kennen (und lieben), die Popmusik- und Popkulturgeschichte schrieben: Andy Warhol und seine Entourage in der Factory, John Cale, Lou Reed und Velvet Underground, Jim Morrison und Brian Jones.

Nico war so ganz anders. "Baby Jane und Edie waren extrovertiert, amerikanisch, gesellig, klug, aufgekratzt, schwatzhaft", so Andy Warhol. Nico hingegen erschien ihm als sonderbar, als geheimnisvoll, als "echte Mondgöttin". Ihm - wie allen anderen - fiel ihre merkwürdige Sprechweise auf: "Die Leute beschrieben ihre Stimme als unheimlich, nichtssagend und glatt, langsam und hohl, als ‚Wind in einem Abflussrohr‘ oder ‚IBM-Computer mit einem Garbo-Akzent‘. Auch beim Singen hatte ihre Stimme diesen seltsamen Klang." Warhol führte sie der von ihm protegierten Band Velvet Underground zu. Das ging nur knapp zwei Jahre gut. Dann war Reeds Ego zu groß. Auch Nico wollte eigene Musik machen. Was sie mit von der Romantik inspirierten Texten und ausgefallenen Klängen auch tat.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-16 16:11:37
Letzte Änderung am 2018-08-16 16:30:28



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