• vom 18.08.2018, 09:00 Uhr

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"Nennt mich Christa!"




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Tobias Lehmkuhl
Nico - Biographie eines Rätsels
Rowohlt Berlin, 2018, 288 Seiten, 24,70 Euro

Nico bediente zu ihrem tiefen Gesang ein Harmonium aus Marokko, spielte mit einem Bratschisten zusammen und nahm später ein Harmonium-plus-Synthesizer-Album auf. Alles so randständig wie erfolglos.

In den Siebzigern war sie um das Abstreifen der "Nico-Ikone" bemüht - äußerlich durch das Schwarzfärben ihrer Haare - und irrlichterte ohne Bankkonto und größere Einnahmen sowie emotional recht unverbindlich durch zahlreiche Verbindungen, Städte, Länder und Szenen. Mit einem Arthouse-Regisseur hauste sie in dessen schwarz gestrichener, unmöblierter Wohnung mitten in Paris.

1983 meinte ein Musikjournalist über Nico: "Sie ist das Rock-Gegenstück tragischer Filmikonen, Judy Garland und Greta Garbo, mit einer Karriere, die dem Drehbuch von ‚Sunset Boulevard‘ entspricht, nur dass eine gebrochene Marlene Dietrich die Rolle von Gloria Swanson spielt." Sie wollte nicht mehr Nico sein. "Call me Christa" lautete ihre wie ein Mantra wiederholte Antwort.

In den 80er Jahren war sie nahezu pausenlos auf Tournee. Erstmals hatte sie in einem Musikerfreund jemanden, der Auftritte organisierte. Ihre mediokre Begleitband hatte er aus Manchesters lokaler Szene rekrutiert. Seit 1985 auf Methadon und Haschisch, trat Nico nur noch auf, um ihre Drogen bezahlen zu können. Es waren oft befremdende, verstörende Konzerte. Nico klang wie aus dem Reich der Toten oder Untoten. Eine "Never Ending Tour", die am 18. Juli 1988 dann doch endete - während sie auf Ibiza mit dem Rad unterwegs war, platzte ein Blutgefäß in ihrem Kopf.

Weltentrücktheit

Nico wurde zur Inspiration für jüngere Post-Punk-Bands. Nachdem sich etwa Throbbing Gristle im Jahr 2010 aufgelöst hatten, brachten Chris Carter und Cosey Fanni Tutti eine noch zuvor eingespielte komplette Coverversion von Nicos Album "Desertshore" auf den Markt. Patti Smith, ihre Tochter Jesse und das Soundwalk Collective produzierten 2016 mit "Killer Road" eine Hommage an Nicos Songs. Und gerade erst lief das Biopic "Nico, 1988" im Kino.

Eine neue Biographie von Tobias Lehmkuhl soll nun Licht ins Dunkel bringen, Zusammenhänge aufzeigen, Geheimnisse aufdecken. Findet man davon etwas? Nein. Denn alle Affären und Kurzbeziehungen der Sängerin sind bekannt.

Nur merkwürdig, dass sich Lehmkuhl nicht mit Sohn Ari als Zeitzeugen traf. Wollte dieser nicht? Und ganz grundsätzlich ist zu fragen, warum man dieses Buch lesen soll, wenn man kein Jünger in der Church of Lou Reed, Jim Morrison & Andy Warhol und der Abstand zu chemisch induzierten Rauschzuständen ein sehr großer ist. Vielleicht zur Erinnerung an Zeiten, in denen Musiker noch ebensolche waren, und nicht Ego-Marketingmanager mit Mode- und Parfümlabel. Als es um Intensität ging, um Leben. Und nicht um vegane Meditation.

Am Ende dieser flüssig geschriebenen, hie und da sacht oberflächlichen Umkreisung eines Mythos steht ein Spiegel, der einen Spiegel zeigt - der, so wie der erste, nichts reflektiert, sondern nur immer tiefer führt in . . . ja, in was? Man muss konstatieren: in eine Leere. Deshalb die Flucht in die Drogen? Darum diese bizarre Weltentrückheit? Das Rätsel des Lebens von Christa Nico Päffgen besteht weiterhin. Vielleicht weil es gar kein Rätsel gibt.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-16 16:11:37
Letzte Änderung am 2018-08-16 16:30:28



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