• vom 16.08.2018, 18:00 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 16.08.2018, 18:55 Uhr

Nachruf

Die majestätische Kraft des Gebets




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Von Christina Böck

  • Die Stimme, die Respekt und Rücksicht forderte, ist verstummt: Soul-Legende Aretha Franklin ist gestorben.

Aretha Franklin bei Plattenaufnahmen im Jahr 1969. - © Michael Ochs Archives/Getty Images

Aretha Franklin bei Plattenaufnahmen im Jahr 1969. © Michael Ochs Archives/Getty Images

Es gibt nicht viele Stimmen, die Menschen in ihrem Innersten aufwühlen. Aretha Franklin gehörte so eine Stimme. Sie brachte sogar US-Präsidenten zum Weinen - als diese noch ein Herz hatten. Barrack Obama wischte sich gar nicht verstohlen eine Träne aus dem Auge, als er zu Weihnachten 2015 Franklin zuhören durfte, wie sie sich selbst - in einem ihrer so typischen üppigen Pelzmäntel - am Klavier bei "(You Make Me Feel Like/A Natural Woman" begleitete. Ihre Schwester soll einmal über die Kraft dieser Stimme gesagt haben: "Wenn sie singt, schlüpft sie in eine andere Zone und verbindet sich mit dem Heiligen Geist." Das war Aretha Franklin dann doch zu viel, vor dieser Aussage gruselte ihr ein wenig, wie sie in einem Interview majestätisch klarstellte.

Allerdings passt diese Vorstellung trefflich zum spirituellen Hintergrund, der nicht wenig zu Franklins Werdegang beigetragen hat. Als Tochter eines Predigers begann sie bereits mit 12 Jahren, in dessen Gospelchor mitzusingen. Ihre erste Gospelplatte nahm sie im Alter von 14 Jahren auf. Im Haus (und in der Kirche) des Vaters lernte sie schon früh Giganten des Jazz und der Soulmusik kennen - Nat King Cole, Duke Ellington und ihren Jungmädchenschwarm Sam Cooke.

Stürmische Mischung

In der Metropole der Black Music, in Detroit, ist Aretha Franklin, die 1942 in Memphis geboren wurde, aufgewachsen. Dass die dort verortete Plattenfirma Motown, die für den spezifischen Soul-Klang einer ganzen Dekade, der 1960er und frühen 1970er, sorgen sollte, bald auf Aretha Franklin aufmerksam wurde, ist daher kein Wunder. Aber die Sängerin und ihr Vater versprachen sich mehr von größeren Labels. Columbia verkaufte Aretha aber reichlich unpassend als glatte Nachtclubsängerin, erst bei Atlantic geriet sie an den legendären R’n’B-Produzenten Jerry Wexler, der ihr mit "I Never Loved A Man (The Way I Love You)" den ersten großen Hit bescherte. Die stürmische Mischung aus druckvoller Leidenschaft und bebender Zärtlichkeit sollte zum nachhaltigen Erkennungsmerkmal ihrer einzigartigen Stimme werden.

Es ist aber ein anderes Lied, das jeder sofort mit dem Namen von Aretha Franklin verbindet. Zum Leidwesen seines Schöpfers übrigens. Otis Redding, auch kein Unbekannter der Soulbranche, suderte einmal: "Dieses Mädchen hat diesen Song von mir gestohlen." Dieser Song heißt "Respect" und er setzte sich 1967 für acht Wochen an die Spitze der Charts. Vielleicht ärgerte sich Redding vor allem deshalb, weil er nicht auf die zündende Idee gekommen war: Der Erfolg verdankte sich einer dem damaligen Zeitgeist entgegenkommenden Modifizierung. In der Version von Otis Redding fordert ein berufstätiger Mann von seiner als Hausfrau waltendenden Gattin Ehrfurcht vor seiner Lohnarbeit. In Franklins Version jedoch wurde das Lied durch wenige, dafür schwungvolle Änderungen zu einer Hymne für starke Frauen, die stolz und lautstark Respekt einfordern.

Martin Luther Kings Begräbnis

Das Lied - und darauf folgende Hits wie "Think" und "Chain Of Fools" - wurden nicht nur zu einem Soundtrack für die Frauenbefreiungsbewegung, sondern auch für die schwarze Bürgerrechtsbewegung, Franklin selbst wurde zu einem Symbol für ein selbstbewusstes schwarzes Amerika. Das kam nicht von ungefähr, tourte doch die Sängerin bereits als 16-Jährige mit Martin Luther King durch die USA. Sie sang schließlich auch bei seinem Begräbnis: "Precious Lord, Take My Hand."

Ihren Beitrag zur Frauenbefreiungsbewegung spielte Franklin gern herunter: "Ich glaube nicht, dass ich ein Katalysator dafür war. Aber...", so fügte sie in dem ihr eigenen Pragmatismus hinzu: "...wenn es so war, umso besser."

Für "Respect" erhielt sie den ersten ihrer Grammys, es sollten 17 dieser Trophäen folgen. Die meisten davon bekam sie für ihre bejubelten Live-Auftritte. 1987 wurde sie als allererste Frau in die Rock’n’Roll Hall of Fame aufgenommen.

Aretha Franklin war eine der letzten Diven, sie machte ihrem Titel der Königin des Soul alle Ehre. Man erwähnte ihr gegenüber besser nie das Wort Comeback: "Sagen Sie nicht, dass ich ein Comeback habe. Ich war nie weg!" Sie liebte prunkvolle Äußerlichkeiten: "Ich bin eine üppige Frau, ich brauche üppige Frisuren." Sie wusste aber auch, dass eine Königin auch gesellschaftliche Pflichten hat: "Es geht nicht nur ums Singen. Es geht darum, den Menschen einen Dienst zu erweisen. Und etwas für deine Gemeinschaft zu leisten."

Den größten Teil ihres Lebens hat Aretha Franklin in ihrer Heimat Detroit gelebt. Dort ist sie am Donnerstag mit 76 Jahren gestorben. Ihre schwere Krankheit hat sie mit Gottvertrauen ertragen, den Ärzten erklärte sie: "Wissen Sie, ich komme aus einer betenden Familie." Daher war sie auch der Meinung: "Was kann besser sein, als dass Gott dich liebt?"



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Schlagwörter

Nachruf, Aretha Franklin, Soul, Respect

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-16 18:08:39
Letzte Änderung am 2018-08-16 18:55:15



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