• vom 19.08.2018, 09:38 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 19.08.2018, 12:07 Uhr

Konzertkritik

Der Mann, der es hot mag




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Von Andreas Rauschal

  • US-Popstar Justin Timberlake kam für ein Konzert nach Wien. In der Stadthalle war es sehr heiß.

Rhythmische Sportgymnastik und gute Laune: Justin Timberlake bei der Arbeit in Wien.

Rhythmische Sportgymnastik und gute Laune: Justin Timberlake bei der Arbeit in Wien. © APAweb, afp, Orn E. Borgen Rhythmische Sportgymnastik und gute Laune: Justin Timberlake bei der Arbeit in Wien. © APAweb, afp, Orn E. Borgen

Wien. "Vienna!", "Austria!!", "Vienna, are you with me?!" – diesmal ist es also gutgegangen. Justin Timberlake hat den Ort seines Auftritts nicht mit beispielsweise Wels, Wies oder Weiz verwechselt, was bei einem dicht gefüllten Tourkalender in der Ferne natürlich schnell einmal passieren kann. Gerade erst in Berlin hatte der 37-jährige US-Superstar zwecks Kunstgenuss zwar die Sammlung Boros besucht, die Zurschaustellung seines Bildungsbürgertums beim Instagrammen mit dem Zusatztext "Kunstmuseum Bonn" dann aber doch eher versemmelt. Aber egal jetzt – und wer will schon kleinlich sein? Listen! Justin Timberlake hat eigens für uns auch etwas auf Deutsch einstudiert. "Vienna, was ist los?!"

Saunatemperaturen

So viel "Vienna!" und "Austria!!" hat man in der Wiener Stadthalle zum letzten Mal beim Auftritt von Prince gehört. Dem eifert Justin Timberlake nicht nur gleich zum Auftakt bei "Filthy" mit einer Lawine an Käse- und Trashsounds aus dem Keyboard (das waren die 80er Jahre!) oder später bei Hits wie "My Love" oder "Summer Love" mit feistem Stromgitarrengebrauch nach. Nein. Vor allem ist es in den Songtexten von Justin Timberlake immer sehr hot, weil alles immer sehr sexy ist. Zumindest auf dem Papier ist der einstige Teeniestar aus dem "Mickey Mouse Club" ja angetreten, uns zwischen Digital-R&B und großem Popaufgebot ordentlich durchzufunken. Alles ist immer sleazy und filthy – und anlassig ist es auch. "I canʼt wait ʼtil I get you on the floor, good-lookinʼ / Going hot, so hot, just like an oven / And owww, burned myself, but just had to touch it . . . "

Nötig wäre das freilich nicht. In der Wiener Stadthalle hat es auch so bereits Saunatemperaturen. In diesen trainiert Justin Timberlake vielleicht schon für ein zweites Standbein. Jedenfalls belegt seine Handtuchtechnik (der "Hubschrauber" über dem Kopf!), dass sich eine Karriere als Saunawart locker ausgehen würde. Oida, hör auf jetzt, die echte Sauna ist im Stadthallenbad nebenan, und uns reicht es hier langsam! Justin Timberlake, der Mann, der es hot mag, hat aber auch jetzt noch nicht genug. Unter einer Fantastilliarden Watt starken Lichtanlage kommt im hemdsärmeligen halbakustischen Teil ausgerechnet auch noch ein "Draußen in der wilden Wildnis"-Block im Sinne von etwas Wald- und Wiesenkitsch und Naturromantik mit beigestellten Elchen auf der Videowall, für den mitten in der Wiener Stadthalle ein Lagerfeuer entzündet wird.

Zu alledem steht Justin Timberlake natürlich nicht still. Wenn er als Oberstreber nicht gerade vorturnt, dass er auch akustische Gitarre spielen oder einen Sampler bedienen kann, verbrennt er als rhythmischer Sportgymnast, der mit crazy Moves den Swag aufdreht, im nach MTV-Vorbild aus den 90er Jahren durchgepeitschten Synchrontanzprogramm heute vermutlich 6000 Kalorien. Als Fastfood-Beauftragter des Pop – er hat einst für McDonald’s das "I’m lovinʼ it!" erfunden –, weiß er, dass das nicht schaden kann.

Keine Forstarbeiter-Credibility

Dann endlich – und die Stadthalle jubelt! – "Cry Me A River", der Trennungssong mit Britney-Spears-Hintergrund. Ja, so ein Fluss wäre jetzt etwas, vor allem, wenn er kalt ist wie ein Bacherl vom Berg. Hierzu fällt einem wiederum ein, dass Justin Timberlake eigentlich angetreten wäre, um sein aktuelles Album "Man Of The Woods" auch live in Szene zu setzen. Bis auf ein paar armselig verkümmerte, also wirklich jämmerliche Bäumchen, die in der mit einem Steg querdurch bespielten Halle drapiert wurden, und dem erwähnten Lagerfeuerteil bemerkt man davon optisch aber recht wenig. Als Kontrast zu seiner letzten Tour als Anzug- und Leistungsträger im superslimfitten Designeranzug aus dem Hause des feschen Designers Tom Ford steht Justin Timberlake zwar gegen Ende in einem verwordagelten Holzfällerhemd auf der Bühne. Tatsächliche Naturburschen-Credibility geht sich damit aber keine aus. Unter dem Karomuster trägt Justin Timberlake ein Tour-T-Shirt von Depeche Mode und Sneakers, wie man sie aus US-Hip-Hop-Milliardärskreisen, aber sicher nicht aus dem Forstarbeiter-Milieu kennt.

Der auch bandseitig im knapp zweistelligen Bereich personalstark angelegte Abend endet schließlich nach knapp zwei Stunden im Zuge der penetranten Gute-Laune-Hymne "Can’t Stop The Feeling!" aus dem Animationsfilm "Trolls" mit einer Beschwörung von Dauertanzen und Sonnenschein. Draußen in Rudolfsheim-Fünfhaus war es zum Glück aber eh wieder finster und menschenfeindlich. Das hat uns sehr gut gefallen.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2018-08-19 09:38:31
Letzte Änderung am 2018-08-19 12:07:16




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