• vom 23.08.2018, 07:30 Uhr

Pop/Rock/Jazz


Jazz heute

Er riecht nicht komisch




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Von Christoph Irrgeher

  • Muss der Jazz gerettet werden? Nein, meint der Journalist Nate Chinen in seinem neuen Buch "Playing Changes". Der Grund für das üble Image der Branche: die Adelung zu einer amerikanischen Variante der klassischen Musik.

Prägnante Einzelstimme: Esperanza Spalding, Songwriterin und Kontrabassistin.

Prägnante Einzelstimme: Esperanza Spalding, Songwriterin und Kontrabassistin.© Universal Music Group Prägnante Einzelstimme: Esperanza Spalding, Songwriterin und Kontrabassistin.© Universal Music Group

Sensation! "Es ist, als wäre eine neue Kammer in der Pyramide entdeckt worden", hieß es im Frühling in einer Pressemeldung. Kurz darauf schon der nächste Jubelfund: "Es ist, als hätte man ein Van-Gogh-Werk oder eine Ming-Vase aufgespürt", schrieb ein Journalist.

Freilich: Es sind in diesem Jahr weder ein Meistergemälde noch eine Kaiservase aufgespürt worden, geschweige denn ein Pharaonen-Raum. Was ans Licht kam, war Material von zwei verstorbenen Jazzgrößen - von John Coltrane, dem Säulenheiligen der Saxofonisten, und von Erroll Garner, der verschmitzten Ikone des Swingklaviers. Wobei man sich diese Schatzfunde natürlich nicht so abenteuerlich vorstellen darf wie in einem "Indiana Jones"-Film. Die Bänder zu Coltranes posthumem Werk "Both Directions at Once: The Lost Album" (Impulse! Records) dürften 1963 schlicht vergessen worden sein. Garners Album "Nightconcert" (Mack Avenue Records) datiert aus dem Jahr 1964 und verdankt sich einem Auftritt im Amsterdamer Concertgebouw.


Ein Pyrrhussieg
1963 und 1964 - das liegt nun ein halbes Jahrhundert zurück, nach den Maßstäben des Medienzeitalters eine Ewigkeit. Es ist aber doch mehr als eine gelinde Übertreibung, diese Güter mit antiken Artefakten zu vergleichen. Warum rückt der Jazz seine Legenden so weit in die Vergangenheit?

Die Antwort liegt auf der Hand: Weil die Aura des Altehrwürdigen den Absatz fördert. Und es ist auch nicht ganz unverständlich, diese Tonträger von Coltrane und Garner - beide hervorragend - mit Superlativen zu bedenken. Der Antiken-Kult, den der Jazz gern treibt, hat allerdings einen dicken Haken: Je mehr das Fach seine toten Helden feiert, je mehr es sich als Kunst versteht, deren Hochblüte längst zur Neige gegangen ist, je mehr sich Jazz kurzum als klassische Musik geriert, desto mehr schaufelt dieses Genre seinen zeitgenössischen Vertretern ein Grab - obwohl die so lebendig sind wie der heutige Jazz an sich.

Genau das ist die Botschaft eines neuen Buches: "Playing Changes - Jazz for the New Century" (Pantheon Books) heißt es, stammt von dem amerikanischen Kritiker Nate Chinen und ist gerade auf Englisch erschienen. Eine deutsche Übersetzung wäre wünschenswert. Chinen feiert die Vielfalt des heutigen Jazz mit einer Fülle an Musikerporträts, die knapp 300 Seiten sind brillant geschrieben.

Das sieche Jazz-Image spricht Chinen schon früh an. Er macht es nicht zuletzt an einem Datum fest: dem 28. Februar 1984. Ein junger Wirbelwind namens Wynton Marsalis, 22, stieg damals auf die Bühne der Grammy-Gala und gab eine Probe seines Talents: Er meisterte nicht nur einen Ausschnitt aus Hummels Trompetenkonzert. Gleich danach erwies sich Marsalis in einer Jazznummer als ebenso firm: Ein Raunen ging durch den Saal. Als Marsalis den Grammy für seine Improvisationskünste annahm, hielt er eine programmatische Rede: Der Jazz verdiene dieselbe Wertschätzung, die das klassische Publikum seiner Tonkunst angedeihen lässt. In seiner Rede lebte er diesen kunstaristokratischen Blick vor. Marsalis zollte dem "Elite-Publikum" des Jazz Respekt, er ehrte die "Meister" dieses "komplizierten" Fachs, teilte aber auch einen Seitenhieb aus. Louis Armstrong, Thelonious Monk und Charlie Parker hätten ein "Beispiel westlicher Kunst gesetzt, das nicht geschmälert werden kann von aufgesetzten Trends oder... schlechtem Geschmack."

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Dokument erstellt am 2018-08-22 17:56:42



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