• vom 25.08.2018, 13:00 Uhr

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Country in veredelter Form




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Von Bruno Jaschke

  • Seit zehn Jahren lebt der US-Amerikaner Ian Fisher in Europa. Im Interview anlässlich seines neuen Albums "Idle Hands" erklärt er, warum ihn Wien besonders anzieht.

Glaubt nicht an das Konzept Nation: Ian Fisher.

Glaubt nicht an das Konzept Nation: Ian Fisher.© David Johnson Glaubt nicht an das Konzept Nation: Ian Fisher.© David Johnson

Reisen entfremdet. Kaum ist ein Ami zehn Jahre in Europa unterwegs, erkennen die daheim ihn nicht mehr als einen der ihren. Ian Fisher, geboren und aufgewachsen in St. Genevieve, Missouri, macht diese Erfahrung bei jedem Heimatbesuch: "Wenn ich drüben bin, glauben die Leute nicht, dass ich Amerikaner bin. Weil ich einen eigenartigen Akzent habe und viel marxistisches Zeugs verzapfe", sagt der Sänger, Gitarrist und Autor von weit über 1000 Songs beim Interview mit der "Wiener Zeitung" im Kleinen Café.

Information

Ian Fisher
Idle Hands
(If Music/Broken Silence)

Im Übrigen will sich Fisher auch gar nicht über ein Land definieren: "Ich glaube nicht an das Konzept Nation", sagt er kurz und bündig. In einem der ingeniösesten Stücke, die je ein Non-Native-Speaker auf Deutsch geschrieben und gesungen hat, nämlich dem Titelsong seiner letzten LP, "Koffer", bringt er diese Abneigung mit lässig-ungeniertem Akzent klar auf den Punkt: "Ich will kein Ami sein, ich will kein Deutscher sein, ich will gar nix sein, außer was ich bin."

Tragendes Idiom

So weit legt sich Fisher, der auch beim austroamerikanischen "All-Star"-Ensemble Nowhere Train mitspielt, aber schon fest, Wien neben Missouri als "meine Homebase" zu bezeichnen. Je nachdem, was seine extensiven Tourpläne zulassen, verbringt er hier ein Viertel bis die Hälfte eines Jahres. "Wien ist eine einzigartige Mischung aus Osteuropa, Italien und Deutschland - ein multikulturelles Konvolut aus verschiedenen Identitäten. Das ist der Grund, warum ich hier bin. Auch ich fühle mich hin- und hergerissen zwischen unterschiedlichen Kulturen."

Wie Fisher selbst heraushebt, hat seine Liebe zu Wien und Künstlern wie Ernst Molden, Der Nino aus Wien, Paul Plut, Karl Stirner oder Walther Soyka keine unmittelbaren stilistischen Auswirkungen auf seine Musik. Die ist relativ klar in dem Bereich geerdet, den man als "Americana" kennt: akustischer Folk mit ländlichem Einschlag und der einen oder anderen Rock-Einlage. Mittelbar hat sie allerdings insofern Auswirkungen gezeitigt, als Fisher erst mit dem geografischen und mentalen Abstand zur Heimat auch das Genre Country wiederentdeckt hat.

"Als Kind habe ich Country geliebt", erzählt Fisher, der mittlerweile vom "Rolling Stone" als einer jener neuen Country-Künstler, auf die man ein Auge haben muss, entdeckt worden ist. "Als ich ins Teenager-Alter kam, habe ich Country politisch mit einer Einstellung assoziiert, die ich nicht mochte, und mit einer Hörerschaft, die den Schlagerfans hierzulande ähnelt. Das hat mich taub für die Qualität dieser Musik gemacht. Erst als ich nach Europa ging, war es mir möglich, diese Musik als das zu sehen, was sie ist - und nicht, was sie sozial darstellt."

Country ist, in veredelter Variante, ein tragendes Idiom auf Fishers neuem Longplayer "Idle Hands". Um die Akustik- und Pedal-Steel-Gitarren gruppieren sich Frauenstimmen, diverse Keyboards, Streicher und andere Zutaten mit konzertanter Anmutung. Das verleiht einigen Stücken, wie etwa dem Opener "Tables Turn" oder "Icarus", eine gravitätische Grandezza, anderen, wie "Bed Downtown", eine elegante Zügigkeit.

Privates und Politisches

So vielschichtig die Platte musikalisch ist, so fokussiert ist sie inhaltlich. Ein ums andere Mal führt sie vor, wie sich Privates und Politisches vermischen. Im Titelsong, in dem ein Bass um ein aufgewecktes Klaviermotiv und verwischte Synthesizer scharwenzelt, sieht Fisher diese Osmose veranschaulicht: Nicht nur der Protagonist ist nach einer zerbrochenen Beziehung unfreiwillig der Untätigkeit überantwortet, sondern auch eine rapide wachsende Anzahl von Menschen, deren Fähigkeiten von der Wirtschaft nicht mehr benötigt werden.

"Deswegen sehen viele Menschen ihre Existenz als absurd an, und ich glaube, das erzeugt Selbstzerstörung", meint der Musiker, für den die aktuelle gesellschaftlich-ökonomische Entwicklung nur zwei Möglichkeiten offenlässt:

"Entweder kreieren wir genau die Gesellschaft, die die neoliberalen Politiker haben wollen, nämlich eine neofeudale, faschistoide Gesellschaft, die zu irgendeiner Form von Polizeistaat und Sklaverei führt, oder wir schaffen eine Gesellschaft, die sozialistische Ideen integriert und auf diese Weise den Konsum ankurbelt. Die einzige Rettung für den Kapitalismus in seiner jetzigen Form ist ein Sozialismus, der den Leuten Geld zum Konsumieren gibt."





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Dokument erstellt am 2018-08-23 14:53:47
Letzte Änderung am 2018-08-23 15:23:59



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