• vom 23.08.2018, 16:48 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 23.08.2018, 17:06 Uhr

Pop

Tröstlich wirbelnder Pferdeschwanz




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Von Christina Böck

  • Katharsis für die Insta-Crowd: Ariana Grande und "Sweetener", das Album nach dem Anschlag.

Nachdenklich: Ariana Grande.

Nachdenklich: Ariana Grande.© Dave Meyers Nachdenklich: Ariana Grande.© Dave Meyers

"22 Texte von Whitney Houston, die perfekt in dein Poesiealbum passen!" Das mag vielleicht 1988 im "Rennbahn Express" gestanden sein. Wie sehr sich die Zeiten geändert haben, zeigt nicht nur, dass man einen "Rennbahn Express" heute im Archiv der Nationalbibliothek durchblättern kann. Sondern auch, dass man im Internet Artikel wie diesen findet: "22 Texte aus Ariana Grandes ,Sweetener‘, die perfekte Instagram-Bildtexte ergeben!"

"Sweetener" (Universal) ist das neue Album der Sängerin, die allen, die jetzt schon beim Wort "Instagram" grübelnd die Stirn gerunzelt haben, eher nicht so viel sagen wird. Das macht aber nichts, sie ist trotzdem einer der größten Popstars, die diese Dekade hervorgebracht hat. Das liegt nicht nur an ihrer Viel-Oktavenstimme oder an den dem rapgeprägten Zeitgeist entsprechenden, am Computer aufgemöbelten Liedern, die großteils aus der Hitfabrik des Schweden Max Martin stammen.

Abseits vom Regenbogen

Das liegt auch nicht nur am neuen Musikkonsum-Verhalten, das sich in der Zielgruppe online abspielt und es möglich macht, dass vom aktuellen Album Grandes derzeit in den diversen Streaming-Charts praktisch überall mindestens drei Songs in den Top 20 vertreten sind. Das liegt vor allem an ihren jungen Fans, die sie mit einer durchaus ausgeklügelten Social-Media-Kommunikationskultur an sich und ihren wirbelnden Pferdeschwanz bindet. Und das schon seit ihren Tagen als frühe Identifikationsfigur im Kinderstarstadium.

Im Mai vergangenen Jahres fand sich Ariana Grande freilich in Schlagzeilen wieder, die gar weit entfernt sind von ihrer Nachrichtenheimat unterm Unterhaltungs-Regenbogen. Bei ihrem Konzert in Manchester, genauer gesagt nach ihrem Konzert, sprengte sich ein islamistischer Terrorist im Ausgangsbereich in die Luft, riss 22 Menschen mit in den Tod und verletzte 116 weitere. Unter den Opfern waren einige Kinder, das jüngste Todesopfer war acht Jahre alt.



Mit den Eltern dieses Mädchens ist Ariana Grande, wie sie sagt, immer noch via Twitter in Kontakt. Das macht auf verblüffende Weise deutlich, dass die neuerdings vielgeschmähten Sozialen Medien mitunter sogar tatsächlich noch ihrem Namen gerecht werden. "Sweetener" ist also das erste Album Ariana Grandes nach dem Anschlag (und nach dem großen Benefizkonzert mit dutzenden nicht minder berühmten Kollegen, das sie gleich im Juni 2017 organisierte). Bereits die erste Single-Auskoppelung lässt Trauma-Verarbeitung im Discokugelschein erwarten. "No Tears Left To Cry" liefert da auch ganz gut ab, wie die "fame Insta-Crowd" es formulieren würde. Im Geiste der YOLO-Bewegung ("You only live once") wird die Kraft des Weitermachens im richtigen Vibe beschworen. Das mag rein textlich etwas platt herüberkommen, erfüllt aber mit dem tanzbaren Hymnencharakter sicher irgendeine kathartische Funktion.

Erotik und Psychotherapie

Nächster Song, der nach Bewältigungslyrik klingt: "God Is A Woman". Falle. Hier geht es nämlich dank beliebter Subkultur-Metaphorik beim Beten trefflich erotisch zu. Die Vokalakrobatik Grandes mit ihrer breit angelegten Tremolo-Stimme - geschult übrigens beim Celine-Dion-Imitieren in der Kindheit - lässt so manchen Höhepunkt herauslesen. "Breathin" jedoch bietet die für ein solches Pop-Album doch recht anschauliche Beschreibung einer Panik-Attacke, in "Get Well Soon" übersetzt sie psychotherapeutische Phrasen in die Sprache der Vernetzten: "Unfollow fear and just say ,you are blocked‘."

Ist es zulässig, in ein Pop-Album Substanz zu interpretieren, die durch die Vergänglichkeitserfahrung eines Attentats erlangt wird? Möglicherweise nicht. Legitim ist aber das Urteil, dass Ariana Grande ein Album veröffentlicht hat, aus dem eine unkomplizierte Hoffnung herausschimmert. Und, ja es gibt Texte, die sowohl auf Instagram als auch ins Poesiealbum passen. Zum Beispiel: "Das Licht kommt, um alles zurückzubringen, was die Dunkelheit gestohlen hat."





Schlagwörter

Pop, Ariana Grande, Sweetener

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-23 16:56:48
Letzte Änderung am 2018-08-23 17:06:07



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