• vom 24.08.2018, 19:00 Uhr

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Eine Diva im Darkroom




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Von Andreas Rauschal

  • Die britische Songwriterin Anna Calvi und ihr dramatisches drittes Album "Hunter".

Mit Gender-Schwerpunkt: Anna Calvi meldet sich mit neuen Songs zurück. - © Maisie Cousins

Mit Gender-Schwerpunkt: Anna Calvi meldet sich mit neuen Songs zurück. © Maisie Cousins

Eigentlich wäre die Frau bereits auf ihrem titellosen Debütalbum von 2011 nahe am Thema gewesen. Im Grenzbereich zwischen sexuellem Verlangen, Spiel mit Geschlechterrollen und einer relativ offenkundigen Queerness konnte man damals ja schon Stücke wie "Suzanne & I" oder "I’ll Be Your Man" hören. Groß thematisiert wurde diese inhaltliche Stoßrichtung aber weder von der Künstlerin selbst noch von den Medien. Letztere waren vermutlich zu sehr damit beschäftigt, hier eine Nachwuchskraft in der Erbfolge von PJ Harvey zu begrüßen und auch aufgrund der mannigfaltigen Einflüsse vor der 1980 geborenen Britin in die Knie zu gehen.

Umkehr und Aneignung

Information

Anna Calvi
Hunter
(Domino Records)

Live in Wien am 15.11. in der SimmCity. Tickets bei www.oeticket.com und www.musicticket.at

Immerhin war die gelernte Violinistin mit Hang zum Impressionismus als spätere Gitarrenvirtuosin, die sich an Captain Beefheart und Jimi Hendrix geschult hat, über ihren italienischen Vater auch klassischem Operngeschmetter ausgesetzt. Nicht zuletzt eine ordentliche Portion Drama und die neuzeitlichere Ausprägung der italienischen Klassik, festgemacht an den Staubwüsten-Vermessungen aus dem Spaghetti-Western durch Ennio Morricone, sollten im eigenen Werk davon übrig bleiben.

Nach dem gut beleumundeten Zweitling "One Breath" von 2013 hat es dann allerdings fast fünf von einer Trennung überschattete und mit einer neuen Beziehung zum Happy End gebrachte Jahre gedauert, bis endlich wieder neues Material von Anna Calvi zu hören war. Die als Vorbote ausgeschickte Single "Don’t Beat The Girl Out Of My Boy" erweist sich für das am kommenden Freitag erscheinende neue Album als absolut programmatisch. Auch der Albumtitel "Hunter" bringt die gute alte Stammesrolle des Mannes als der, der das Fleisch erlegt, zur Umkehr und weiblichen Aneignung. Anna Calvi meint das absolut ironiefrei und sehr ernst. Und sie spricht aktuell ebenso ausgiebig über das Themenfeld der Genderfluidität, wie sie diese mit Stücken wie "As A Man" oder "Chain" auch im Werk durchschimmern lässt: "I’ll be the boy / you be the girl . . ."


Zu dieser Tatsache durchaus nicht im Widerspruch steht der Wunsch der Songwriterin, doch bitte in Fesseln gelegt zu werden. Bereits das mit Twang-Gitarren auf die abseitige Halbwelt aus dem David-Lynch-Kosmos am Mulholland Drive abzielende Soundsetting und einmal quer durch den Swingerclub gejagte Song-Eröffnungszeilen wie "I dress myself in leather / With flowers in my hair / The red light of the window / Nothing can compare", die einen persönlichen "Walk On The Wild Side" verheißen, künden davon: Anna Calvi verlagert ihre auf dem Debütalbum mit Songs wie "Desire" noch hymnisch als Herzensangelegenheit verhandelte Sehnsucht im Zeichen des Frühlingserwachsens und der Selbstbefreiung endgültig in den Darkroom. Dort erleben wir eine Diva aus dem Halbdunkel, die sich mit der Gesangsspur zum Auftakt standesgemäß bei einer anderen Diva bedient. "As A Man" dürfte in den Strophen nicht von ungefähr an den 1997er-Comeback-Hit "History Repeating" von Shirley Bassey erinnern.

Hauchen mit Hall

Dass neben dem Sinnlichen auf "Hunter" auch das Animalische nicht zu kurz kommt, bezeugen nicht nur die Vokal-Arrangements: Hecheln mit Echoeffekt, Hauchen mit Hall. Mit seinem verführerisch-subtropischen Groove übersetzt etwa auch "Indies Or Paradise" das Glühen und Zittern der Körper sehr gekonnt in Musik. Das ist zwar heiß, warm anziehen sollte man sich aber trotzdem. Im Zuge eines Musik gewordenen Genderseminars zum Thema Fleisch und Dominanz untersucht Anna Calvi bei "Alpha" dann auch noch das Potenzial männlichen Leithammelverhaltens für die Verwendung durch das Matriarchat. Und sie beantwortet den Sachverhalt mit einer so eindeutigen wie eindeutig auf die dunkle Seite der Macht gefallenen Erkenntnis: "I divide and conquer!"

Eine Verschnaufpause im Prärie-Stil Ennio Morricones bietet der mit Nick Launay (Yeah Yeah Yeahs) coproduzierte sowie mit Unterstützung von Adrian Utley (Portishead) und Martin P. Casey von den Bad Seeds eingespielte dritte Streich mit einem Tête-à-Tête am "Swimming Pool". Die Coming-of-Age-Erinnerung "Eden" am Ende eines guten Albums setzt dann auf den friedlichen Tonfall, den man sich nach dem vorangegangenen Drama redlich verdient hat. Inhaltlich lauert aber auch hier die Gefahr: "I’m a needle in the heart / You’re a shadow in the dark."





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-24 13:56:47
Letzte Änderung am 2018-08-24 14:09:45



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