• vom 06.09.2018, 12:30 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 01.10.2018, 11:50 Uhr

Pop

Friedenspfeifen und Widerständchen




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Am Anfang stehen Field Recordings aus einem Bahnhof, in die ein sakraler Hallchor interveniert, der angeblich mit der alten Tape-Machine aus "Revolver"-Tagen der Beatles aufgenommen wurde (Oh! My! God!), ehe die bereits bekannten Singleauskopplungen folgen: das nachdenklich ins Softrockballadistische kippende "I Don’t Know" und das mit käsig-schlagernden Bläserarrangements erneut Kernkompetenzen in Mitsummtauglichkeit demonstrierende "Come On To Me", das sich an den süßen Vogel Jugend in Form von Flirtversuchen erinnert.

Als erstes kleines Highlight leuchtet "Happy With You" als altersgelassenes Liebesbekenntnis an der Akustikgitarre in unsere Herzen. Paul McCartney gibt dazu den Takt mit dem Fuß vor. Und auch im Fall des fein arrangierten "Confidante" ist es der zurückgenommene Paul McCartney, der auf diesem Album gefällt - sofern man bereit ist, den Mantel des Schweigens über den Flötenkitsch von "Hand In Hand" zu breiten. Als weitere Stilnote bereits im ersten Albumdrittel zu hören: "Who Cares", der synkopierte Pop-Rockabilly mit Pomade im Haar als persönliches Trost-und-Rat-Angebot an die von den Idioten da draußen Geplagten.


Während der weitgehend sanftmütige Tonfall die Friedenspfeifen vor allem im Privaten verortet, wird es bei der Song gewordenen Feststellung "People Want Peace" inklusive Marschtrommeln und Klatschen im Hippie-Sitzkreis hingegen erstmals politisch. Für das diesbezügliche Kernstück des Albums muss man sich aber bis Song Nummer 14 gedulden. "Despite Repeated Warnings" erzählt die Seemannsgeschichte eines fahrlässigen Kapitäns, wird nicht nur vor dem Hintergrund des Klimawandels aber rasch als Allegorie auf politischen Wahnsinn erkennbar, dessen Hauptvertreter man sich ausmalen kann.

Die Musik dazu frischt den multiteiligen Wings-Pomp im "Live And Let Die"-Stil mit Blueselementen auf und wird so zu etwas mehr als nur einem Widerständchen. Das verspielt groovenzentrierte "Caesar Rock" setzt auf Funk, "Back In Brazil" entführt in subtropische Gefilde, und ein wehmütig zwischen Vintage-Chor und Cembalo arrangiertes Plädoyer für ein Leben im Hier und Jetzt gibt es auch: "Do It Now".

Außerdem erzählt uns Paul McCartney auf "Egypt Station" zwischendurch, dass er früher sehr viel gesoffen und gekifft und seinen Hausarzt darüber nicht informiert hat. Nennen wir es sein ganz persönliches Rock-’n’-Roll-Verständnis. Heute ist er aber auch ohne sehr glücklich.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-06 12:06:01
Letzte Änderung am 2018-10-01 11:50:16



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