• vom 07.09.2018, 18:00 Uhr

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Das Abschiedsgeschenk




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Von Uwe Schütte

  • Der bald 77-jährige US-Songwriter Paul Simon geht demnächst in Pension. Davor veröffentlicht er mit "In The Blue Light" aber noch neue Versionen seiner älteren Songs.

Blick zurück: Paul Simon im Jahr 1985.

Blick zurück: Paul Simon im Jahr 1985.© Sony Music/Debora Feingold Blick zurück: Paul Simon im Jahr 1985.© Sony Music/Debora Feingold

Ein Großer, nein: ein Gigant tritt ab. Und dies zu Lebzeiten und mit Würde. Doch das passt zu ihm: Paul Simon, der heuer 77 Jahre alt wird, hat uns - während seiner Duo-Zeit mit Art Garfunkel - nicht nur ein paar der anrührendsten Songs aller Zeiten geschenkt, sondern zudem, als Solokünstler, einige Alben, die zum bleibenden Grundbestand der Pop-Musik gehören. So etwa das introspektive "Still Crazy After All These Years" (1975), das wunderbar elegische "Hearts And Bones" (1983) und natürlich das politisch kontroverse "Graceland" (1986). Mit dem von Brian Eno produzierten "Surprise" (2006) gelang ihm noch ein veritables Altersmeisterwerk, das seinen akustischen Folk-Rock mit elektronischen Soundlandschaften verband.

Zeit für die Familie

Information

Paul Simon
In The Blue Light
(Sony Music)

Im Februar des Jahres 2018 allerdings gab Simon bekannt, dass er sich mit einer "Homeward Bound" betitelten Abschiedstour, die im Mai begann und am 22. September mit einem Konzert in New York City endet, von der Bühne verabschieden wird. Das ist schade, aber auch eine große Geste, denn bei Simon wird man sich darauf verlassen können, dass er es ernst meint mit seinem Rückzug. Als Gründe dafür nannte er den Krebstod seines langjährigen Gitarristen Vincent Nguini, mit dem er seit dem "Graceland"-Album zusammengearbeitet hat, vor allem aber sein Bedürfnis, die ihm noch verbleibende Zeit mit seiner Familie zu verbringen.

Um seinen Fans die Pensionierung vom Touren etwas zu versüßen, veröffentlicht Paul Simon zugleich, nur zwei Jahre nach dem letzten Studioalbum, "Stranger To Stranger", eine neue Platte. "In The Blue Light" enthält allerdings kein neues Material an sich, sondern zum Teil radikale Neuinterpretationen von weniger bekannten Songs aus seinem Solokatalog. Nicht nur Arrangements und Instrumentierung wurden verändert, sondern auch die Songtexte wurden teils angepasst. Man darf mit Fug und Recht sagen, dass einige der zehn Stücke kaum oder gar nicht wiederzuerkennen sind.


Ausgewählt hat Simon sie kreuz und quer durch seine Diskografie, vom 1973er-Album "There Goes Rhymin’ Simon" bis zum schönen "So Beautiful Or So What" von 2011. Die Botschaft ist klar: Alle Hits werden von Simon bewusst ignoriert, um stattdessen persönliche Lieblingsstücke auszuwählen - gleichsam ein Abschiedsgeschenk an seine eingefleischten Fans wie an sich selbst. Ebenso auffällig ist, dass gleich ganze vier Stücke vom recht schwachen Album "You’re The One" (2000) stammen. Offenkundig wollte Simon hier nachbessern, und das ist ihm auch weitgehend gelungen. So etwa bei der tollen neuen Version von "Darling Lorraine" oder dem fröhlichen New-Orleans-Walzer bei "Pigs, Sheep And Wolves", während das überkandidelte Saxofon von "The Teacher" eher nervt; aber das mag letztlich Geschmackssache sein. Ein klares Highlight jedenfalls ist "Can’t Run But" (aus "The Rhythm Of The Saints" von 1990), das von seiner brasilianischen Trommelrhythmus-Basis still mit Streichquartett uminstrumentiert wurde.

Intimer Dialog

Ähnliches ist auch bei "René And Georgette Magritte With Their Dog After The War" zu konstatieren : Die melancholische Ballade, deren Titel auf eine bekannte Fotografie des belgischen Surrealisten referiert, war schon im Original aus dem Jahr 1983 ein perfekter Track; auf "In The Blue Light" wird das Stück durch das ein wenig in Richtung Dissonanz und Avantgarde ausgreifende Streicherarrangement nun noch evokativer. Ebenso geglückt ist der intime Dialog zwischen der elektrischen und der akustischen Gitarre bei "Love", begleitet von unaufdringlichen Drums, wodurch das Stück von zuvor etwas überladenen Arrangements befreit wird, um erst in dieser Version als einer der großen Songs von Paul Simon erkennbar zu werden.

Eines aber darf und muss man noch sagen: Das Coverdesign ist eindeutig missglückt. So möchte man Paul Simon nicht in Erinnerung behalten, nämlich verdeckt hinter einem blauen Farbflecken. Und: Zumindest ein neues Studioalbum schuldet der Songwriter uns, den mit ihm älter gewordenen Hörern, noch, bevor er sich endgültig in das Pensionistendasein zurückziehen kann.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-06 15:27:00
Letzte Änderung am 2018-09-06 15:38:00



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