• vom 11.09.2018, 07:30 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 18.09.2018, 18:00 Uhr

Taiwan

Rockstar, Politiker, Dämon




  • Artikel
  • Lesenswert (6)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Wolfgang Liu Kuhn

  • Freddy Lim ist mit seiner Band Chthonic einer der größten Rockstars Asiens - und in seiner Heimat Taiwan erfolgreicher Politiker. Mit seinem Streben nach politischer Unabhängigkeit hat er sich nicht nur Freunde gemacht.

Freddy Lim in seinem Brotjob als Sänger der Band Chthonic.

Freddy Lim in seinem Brotjob als Sänger der Band Chthonic.© Kevin Nixon/Metal Hammer Magazine/Getty Images Freddy Lim in seinem Brotjob als Sänger der Band Chthonic.© Kevin Nixon/Metal Hammer Magazine/Getty Images

Wenn Freddy Lim das Telefon abhebt und ein sanftes "Wei?" ("Hallo?") in den Hörer flüstert, käme man nicht auf die Idee, gerade mit einem Rockstar zu sprechen. Mit seiner Band Chthonic spielt er auf den größten Metal-Festivals der Welt, sprintet in Kriegsbemalung und mit großer Gestik über die Bühne, brüllt wie eine Furie ins Mikrofon und peitscht die Massen auf. Doch es gibt noch einen anderen Freddy Lim - jenen 42-Jährigen, der bei den taiwanischen Parlamentswahlen am 16. Januar 2016 gegen alle Erwartungen den Wahlbezirk 5 seiner Heimatstadt Taipeh gewann.

Seine New Power Party, die er selbst mitbegründet hat, machte er aus dem Stand zur drittstärksten Kraft. Der Politiker Freddy Lim hat seine langen Haare diskret zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, trägt ordentliche Anzüge und Krawatte. "In einem Iron-Maiden-T-Shirt fühle ich mich aber nach wie vor wohler", verteidigt er sich schüchtern.


Songs über
Massenmörder

Sein introvertiertes Wesen kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser Mann ein besonderes Charisma hat. Beeinflusst von Cradle Of Filth und Dimmu Borgir, gründete er 1995 seine Band Chthonic - extremer Black Metal zu einer Zeit, als es in seiner Heimat nicht einmal eine Metal-Szene gab. Schon früh vermischte er westliche Einflüsse mit taiwanischer Mythologie und traditionellen Klängen seiner Heimat. Und setzte auf Texte, die sich kritisch mit der Geschichte des Landes auseinandersetzten. Ein gutes Beispiel dafür ist "Supreme Pain For The Tyrant" vom Album "Bú-Tik" (2013). Im Text geht es um die Geschichte des Kuomintang-Führers Chiang Kai-shek, der auf Taiwan noch immer verehrt wird. Lim bezeichnet ihn als "Massenmörder" und prangert im Song unter anderem seine Kollaboration mit den Nationalsozialisten an. An anderer Stelle singt er von einer "neuen Ordnung, geboren aus dem Schmerz der Vergangenheit" und spielt damit auf die Beziehung zu China an, das Taiwan als sein Territorium betrachtet. "Früher habe ich poetische Ideen gesammelt und Songs daraus gemacht. Jetzt sammle ich einfach die Ideen von Leuten und mache Politik daraus", sagt Lim.

Dabei ist der politische Quereinsteiger kein Anfänger. Schon zuvor engagierte er sich in Bürgerbewegungen, von 2010 bis 2014 war er Vorsitzender von Amnesty International in Taiwan. Er organisierte Pro-Tibet-Konzerte, für die er unter anderem die Beastie Boys einfliegen ließ. Auch seine Frau - Chthonic-Bassistin Doris Yeh - ist politisch aktiv und engagiert sich für Frauenrechte. Seine Partei gründete Lim als Reaktion auf die Desillusionierung der Jugend in Taiwan, die sich 2014 formierte und die "Sonnenblumen-Rebellion" startete. Die Jugendlichen protestierten gegen die Annäherung an China und sahen sich als Verlierer einer Politik, die sich durch lukrative Deals mit der Volksrepublik in erster Linie selbst bereicherte. "Ich wollte dieses Engagement in die Politik retten und hatte Angst, dass all diese Kraft sonst verpuffen würde."

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-10 16:57:05
Letzte Änderung am 2018-09-18 18:00:30



Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Die Nestroy-Preise wurden verliehen
  2. sand
  3. Mord mit Stil
  4. Die stille Größe des Wolfgang Muthspiel
  5. Eine Gala für das Theater
Meistkommentiert
  1. Lang lebe Europa!
  2. Rene Benko steigt bei "Krone" und "Kurier" ein
  3. Kritik an finnischem Rechts-Metal-Konzert in Wiener Club
  4. Weißes Haus verteidigt sich mit Fake-Video
  5. Schweigen im Blätterwald


Quiz


Neo-Viennale-Chefin Eva Sangiorgi (links) mit der Regisseurin des Eröffnungsfilms Alice Rohrwacher

Sozialdemokratische Kundgebung für das Frauenwahlrecht, Wien-Ottakring, 1913 "Der Bauerntanz", entstanden um 1568.

Ignaz Kirchner als "Samiel", 2007, während der Fotoprobe von "Der Freischuetz" in Salzburg.  Das Tutu ist das Spezifikum der Ballerina, die elfengleich über die Bühne schwebt.


Werbung