• vom 01.10.2018, 14:09 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 01.10.2018, 16:21 Uhr

Nachruf

Der letzte große Chansonnier




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Von Edwin Baumgartner

  • Charles Aznavour ist im Alter von 94 Jahren gestorben – er war Schauspieler, Sänger und Botschafter Armeniens.

Charles Aznavour galt als "französischer Frank Sinatra" und als Ausnahmekünstler.  - © APAweb/AFP, Fabrice COFFRINI

Charles Aznavour galt als "französischer Frank Sinatra" und als Ausnahmekünstler.  © APAweb/AFP, Fabrice COFFRINI

Lieder wie "La Boheme", "Du lässt Dich geh'n" und "Yesterday When I Was Young" haben ihn zum Weltstar gemacht. 

Lieder wie "La Boheme", "Du lässt Dich geh'n" und "Yesterday When I Was Young" haben ihn zum Weltstar gemacht. © APAweb, afp, Fabrice Coffrini Lieder wie "La Boheme", "Du lässt Dich geh'n" und "Yesterday When I Was Young" haben ihn zum Weltstar gemacht. © APAweb, afp, Fabrice Coffrini

Mouriès//Wien. Charles Aznavour, Schauspieler, Chansonnier, Liedertexter und Komponist, ist am 1. Oktober in Mouriès im Alter von 94 Jahren gestorben. Aznavour gilt als einer der großen Interpreten des französischen Chansons und unverwechselbares Gesicht in Filmen wie "Die Blechtrommel" und "Die Fantome des Hutmachers".

Er war in seiner Ausstrahlung und in der Eleganz seines Auftretens so französisch, wie ein Franzose nur sein kann. Und doch ist die Heimat, die Charles Aznavour in seinem Herzen trug, nicht Frankreich, sondern Armenien. Geboren wurde Schahnur Waghinak Asnawurjan am 22. Mai 1924 in Paris als Sohn armenischer Einwanderer, die vor dem Völkermord des Osmanischen Reichs in die Hauptstadt Frankreichs geflohen waren.


Armeniens Botschafter

Aznavour suchte das Land seiner Eltern nicht nur mit der Seele: Anlässlich eines Staatsbesuchs des französischen Präsidenten Jacques Chirac in Armenien trat Aznavour 2006 vor 50.000 Zuschauern auf dem Platz der Republik in der armenischen Hauptstadt Jerewan auf und wandte sich auf Armenisch an sein Publikum. 2011 wird in Jerewan ein nach ihm benanntes Kulturzentrum eröffnet. Die dritte seiner drei Ehen schließt er vor dem armenischen Erzbischof. Aznavour war Vertreter Armeniens bei der Unicef, und seit 2009, ein Jahr, nachdem er die armenische Staatsbürgerschaft verliehen bekommen hatte, war er Botschafter Armeniens in der Schweiz. Weltweit und ohne offiziellen diplomatischen Auftrag war er es längst.

International bekannt war Aznavour für seine prägende Rolle in der Entwicklung des französischen Chansons. Als erster berührte er Themen wie die körperliche Seite der Liebe ("Après l’amour"), und Frauen, die sich gehen lassen ("Tu t’laisses aller") . Er sang über Kinder im Krieg ("Les enfants de la guerre") und über die Einsamkeit der Transvestiten ("Comme ils disent"). Nie zuvor war das Chanson der humanistischen Botschaft so nahe.

Mehr als tausend Chansons hat Aznavour in fünf Sprachen, darunter auch Deutsch, gesungen und aufgenommen, mehr als 800 davon hat er selbst geschrieben.Am Anfang von Aznavours Karriere steht die große Piaf. Sie wird 1946 auf ihn aufmerksam und erkennt sofort die Einzigartigkeit des Vortrags: Dem baritonalen Klang der Stimme verleiht eine leichte rauchige Brüchigkeit Wärme, es ist eine Stimme, der man die Texte glaubt, eine Stimme, die genug Nuancen hat, dass man sich nicht satthört an ihr, ihre Schönheit ist frei von Glätte, die Perfektion steht der Spontanität nicht im Weg. Die Piaf nimmt ihn auf eine Frankreich- und USA-Tournee mit. Danach ist Aznavour ein Star.

Filme und Tourneen

Auch der Film bedient sich dieses Charismas, dieses Auftretens, in dem alles ist, was Eleganz und Charme, aber auch Kraft und Intelligenz zu bieten haben. In mehr als 70 Filmen wirkt Aznavour mit. Nicht alle sind erstklassig – aber bemerkenswert viele bewegen sich auf überdurchschnittlichem Niveau; oder sie werden von Aznavour dorthin gehoben. 2002 spielt er in Atom Egoyans Armenien-Meditation "Ararat", 2008 in Laurent Herbiers Historienfilm "Der Oberst und ich". Im gleichen Jahr beendet er seine Karriere als Filmschauspieler.Nicht aber die als Chansonnier.

2013, immerhin 89 Jahre alt, unternimmt er eine Welttournee, die ihn unter anderem nach Amsterdam, Tel Aviv und London führt. Im folgenden Jahr tritt er auf in Jerewan, Frankfurt, Tel Aviv, Los Angeles, Rom, Barcelona, Warschau, Moskau, Montreal und New York und Berlin – und setzt die Welttournee in den folgenden Jahren fort. Er unterbricht sie nur im April 2016 für eine Gedenkfeier zum 101. Jahrestag des Beginns des Völkermords an den Armeniern im Osmanischen Reich. 2017 füllte er mit seinem Auftritt in Wien die Stadthalle bis auf den letzten Platz. Vor dem Haus stehen Menschen und sind bereit, Spitzenpreise zu zahlen, sollte ihnen jemand eine Karte verkaufen wollen.

Am 12. Mai des laufenden Jahres stürzt Aznavour und muss in der Folge wegen eines schlecht verheilenden Oberarmbruchs drei Konzerte absagen. Trotz seines hohen Alters macht sich kaum jemand in der Branche wirklich Sorgen um ihn. Es scheint, als schreibe man ihm auch physisch das ewige Leben zu, das er in der Film- und Musikgeschichte ohnedies längst besitzt. Welch eine Bitternis, dass nun doch alle noch bevorstehenden Konzerte abgesagt werden müssen. Armenien und das Chanson hat seinen berufensten Botschafter verloren.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-10-01 14:10:57
Letzte Änderung am 2018-10-01 16:21:36



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