• vom 05.10.2018, 12:30 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 09.10.2018, 12:16 Uhr

Christoph und Lollo

Von der Schanze ins Kabarett




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Von Matthias Winterer

  • Früher sangen Christoph und Lollo ausschließlich über Schispringer. Heute ist ihr Repertoire uferlos und böse.

Christoph und Lollos neues Album ist ein bitterböser Rundumschlag - und lustig.

Christoph und Lollos neues Album ist ein bitterböser Rundumschlag - und lustig.© Ingo Pertramer Christoph und Lollos neues Album ist ein bitterböser Rundumschlag - und lustig.© Ingo Pertramer

Wien. Es gibt Liebeslieder. Es gibt Volkslieder. Es gibt Kirchenlieder, Trinklieder, Kinderlieder, Geburtstagslieder, Schispringerlieder. Moment. Schispringerlieder?

Sie haben noch nie von Schispringerliedern gehört? Das Genre des Schispringerliedes existiert seit ungefähr 25 Jahren. Als sein bedeutendster Vertreter gilt das Wiener Liedermacher-Duo Christoph und Lollo. Genaugenommen gelten die beiden als dessen einzige Vertreter. Sie haben das Schispringerlied erfunden. An die 30 Stück haben sie geschrieben und sind damit jahrelang durch die Lande gezogen.

Im Schispringerlied geht es vorwiegend um traurige Schispringer mit seltsamen Namen. So werden etwa die Depressionen von Frantiek Jež, Jaroslav Sakala, Josef Brzuchanski oder Janne Väätäinen besungen. Marketingtechnisch kann hier getrost von einem Geniestreich gesprochen werden. Lieder über das Leid depressiver Schispringer mit komischen Namen - mehr Alleinstellungsmerkmal geht nicht. Trotzdem haben Christoph und Lollo - die eigentlich Christoph Drexler und Lorenz Pichler heißen - das Schispringerlied an den Nagel gehängt. Drei Alben seien genug, jetzt wird umgesattelt, beschlossen sie.

Rohkost, Durchfall und Grasser

Das war vor 14 Jahren. Heute können die beiden auf ein Füllhorn von Liedern - und fünf Alben - zurückblicken, in denen kein einziger Schispringer vorkommt. Mit Akustikgitarre und Gesang arbeiten sie sich durch ein uferloses Themenrepertoire - völlig konträr zur Monotonie früher Tage. Wer zehn Jahre über Schispringer singt, kann schließlich über wirklich alles singen. Die Materie wurde allerdings nicht weniger verschroben. Heute geht es um Fenchelrohkost, Bierdurchfall, giftige Zimmerpflanzen, Karl-Heinz Grasser und weniger infantile Themen, wie die Globalisierung, verlogene Boulevardzeitungen oder das Prekariat von Freiberuflern in der Medienbranche.

Dabei oszillieren die Texte zwischen handfester Blödelei und brillanter Gesellschaftskritik - oft auch innerhalb einer Nummer. Das Lied "Hipster" ihres neuen Albums "Mitten ins Hirn" macht sich etwa über den unkritischen Konsumdrang titelgebender Szene-Menschen lustig, reflektiert aber genauso das Ende des Klassenkampfes in einer Welt voller Selbstständiger. "12.000 Schulden, hey das macht doch nichts - wer Waldviertler trägt ist niemals Unterschicht - und wer zuhause eine Siebträgermaschine hat - der gehört nie und nimmer zum Proletariat". Häme? Ironie? Sarkasmus?

Aber sicher doch. Der feine Spott ist die Paradedisziplin Lorenz Pichlers. In den Texten der neuen Platte wird der Verschwörungstheoretiker genauso durch den Kakao gezogen, wie der echauffierte Online-Selbstdarsteller, der korrupte Zeitungsmacher, der verlogene Rohkost-Verfechter oder der gemütliche Kleingartenbesitzer mit Leichenteilen unter der Thujenhecke. Ein gesanglicher Rundumschlag in alle Schichten, der auch deshalb so sitzt, weil sich der Hörer in so mancher Zeile selbst findet.

Scham statt Rockstar-Pose

Da ist es nur konsequent, dass ihr Spott auch sie selbst trifft. Und das nicht zu knapp. Auf der Bühne stellen sie sich ihrer Scham, indem sie sie öffentlich zur Schau tragen. Kaum ein Lied nachdem sich Christoph nicht kleinlaut beim Publikum entschuldigt, während seine Finger nervös mit dem Mikrofonständer spielen. Fehler diskutieren sie auf der Bühne - inklusive gegenseitiger Schuldzuweisungen. Selbstbewusste Rockstar-Pose schaut anders aus. Natürlich ist das Teil ihres Witzes. Natürlich kokettieren die beiden geschickt mit dem Understatement. Natürlich kann die eigene Unsicherheit genauso lustig sein, wie die Depression eines Schispringers. "Ich persönlich habe manchmal schon Gewissensbisse", sagt Christoph zur "Wiener Zeitung" und schaut auf den Boden.

"Ich würde gern einmal"

Ihr Geburtsstunde als Liedermacher-Duo klingt ähnlich lapidar. "Schenk Frantiek Jež doch ein Lebkuchenherz", soll Christoph vor 25 Jahren betrunken gemurmelt haben. Lollo hörte den Satz und schrieb ihn auf. Ende der Geschichte. Das erste Schispringerlied war geboren. "Manchmal erzählen wir auf der Bühne, dass wir zehn Jahre lang Lieder über depressive Schispringer gesungen haben", sagt Lollo. "Die Leute halten das für einen Witz, bis wir ein paar davon spielen." Aber wäre es nicht der größte Witz ihrer Karriere gewesen, bis ans Ende aller Tage Schispringerlieder zu singen? "Das wurde diskutiert. Aber nach drei Alben zu dem Thema wurde es einfach auch für uns ein bisschen fad".

Lachende Omas

Und so wurde aus den Beiden, was sie heute sind: Zwei Männer, die auf dunklen Bühnen mit bösen Liedern der Gesellschaft den Spiegel vorhalten. Kein Wiener, der hier nicht schlagartig an Qualtinger, Bronner oder Kreisler denkt. Und tatsächlich sind Christoph und Lollo nach all den Jahren im Kabarett angekommen. Früher wurden sie auf FM4 gespielt, heute bringt Ö1 Features über sie. "Früher haben wir in Indie-Clubs gespielt, heute im Kabarett", sagt Lollo. "Aber das ist schon gut so. Schließlich ist es schön, Frauen, die meine Oma sein könnten, zum Lachen zu bringen."

Gelacht hat Karl-Heinz Grasser wohl weniger, als sein Anwalt Manfred Ainedter die Textzeile "Wann muss der Karl-Heinz endlich in Häfen?" ihres Liedes "Karl-Heinz" im Gerichtssaal zitierte. Der Anwalt wollte damit beweisen, dass die Richterin im Prozess um die Buwog-Affäre befangen sei. Ihr Mann hatte das Musikvideo auf Twitter gepostet. Christoph und Lollo zeigten sich erfreut und bedankten sich bei Ainedter. "Uns wurde zugetragen, dass Sie große Fans von uns sind. Das freut uns sehr."

Vielleicht wird es in Zukunft ja ein Konzeptalbum mit Grasser-Liedern geben. Zuzutrauen ist den Beiden alles. Nur, dass sie ein Liebeslied schreiben wohl kaum.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-10-04 15:06:30
Letzte Änderung am 2018-10-09 12:16:46



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