• vom 07.10.2018, 10:00 Uhr

Pop/Rock/Jazz


Musikgeschichte

Gesellschaftskritik und Liebesleid




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Von Katharina Hirschmann

  • Sie wurde vom Vorstadtmädchen zum Pariser Chanson-Star, er entsprang dem belgischen Bürgertum und empfand Hassliebe für seine Heimat: Édith Piaf und Jacques Brel starben vor 55 bzw. 40 Jahren.

Trafen sich in ihrer Intensität: Jacques Brel (1929-1978), links im Bild, und Édith Piaf (1915-1963). - © Jacques Citles/Roger Viollet/picturedesk.com (links), Heinz Röhnert/SZ-Photo/picturedesk.com

Trafen sich in ihrer Intensität: Jacques Brel (1929-1978), links im Bild, und Édith Piaf (1915-1963). © Jacques Citles/Roger Viollet/picturedesk.com (links), Heinz Röhnert/SZ-Photo/picturedesk.com

Ihre Wege kreuzten sich nicht, und auch musikalisch haben sie, abgesehen von der vagen Definition des "Chanson", nicht viel gemein. Sie, das von Schicksalsschlägen gebeutelte Skandalmädchen, das der Liebe hinterherlief. Er, der exaltierte Realist, stets darauf bedacht, der Gesellschaft kritisch erhobenen Hauptes gegenüberzutreten. Zwei Lebenskonzepte, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. In ihrer Intensität jedoch treffen sie sich. Beide starben im Oktober, sie am 10. vor 55 Jahren, er am 9. vor 40 Jahren.

Der Grundstein für Piafs Schicksal als tragische Figur wird schon mit ihrer Geburt gelegt. Denn sie wird, so will es zumindest die Legende, auf der Straße geboren. Aus dem Bauch der Mutter direkt vor die Füße eines Polizisten, so heißt es. Ein kleines Schild an der Wand des Gebäudes im 19. Pariser Bezirk erinnert daran. Tatsächlich jedoch wird die Mutter an diesem 19. Dezember 1915 in Wehen von zwei Polizisten in ein Krankenhaus im 20. Bezirk ganz in der Nähe gebracht, wo Piaf als Édith Giovanna Gassion um fünf Uhr morgens das Licht der Welt erblickt.

Information

Katharina Hirschmann, geb. 1986, Studium der Romanistik und Germanistik, arbeitet als freie Autorin für die "Wiener Zeitung".

Einzige Konstante in ihrer Kindheit wird die Instabilität sein. Von ihrer Mutter, einer trinkenden Kaffeehaus- und Straßensängerin, rasch abgestoßen, wandert sie erst zu deren Mutter, bei der sie beinahe verhungert. Sie wird jedoch rechtzeitig zurückgeholt, ob von ihrem Vater, der selbst im Krieg war, oder seiner Schwester, ist nicht klar. Jedenfalls kommt das Kind nun zur Großmutter väterlicherseits, die in der Normandie ein Bordell führt. Umgeben von leichten Mädchen, die allesamt entzückt sind von dem Baby, wächst Édith auf. Prägende Jahre, die ihre zukünftigen Beziehungen zu Männern und ihr Verständnis von Liebe sicher mitbestimmen.

Fehlende Zuwendung

Mit zehn Jahren holt ihr Vater, ein Schlangenmann, sie zu sich in den Wanderzirkus, um mit ihr auf der Bühne zu arbeiten und durch die Länder zu reisen. Doch die Geschäfte gehen zunehmend schlecht - und schließlich hat er die Idee, seine Tochter auf der Straße singen zu lassen. Ein rentables Projekt. Doch er kennt nur die Welt des Alkohols und der Gewalt, die auch Édith zu spüren bekommt.

Sie macht sich schließlich ohne ihn auf, um sich gemeinsam mit ihrer (vorgeblichen) Halbschwester Momone auf die Straßen von Paris zu begeben. Überleben kann sie diese Zeit durch Kontakte zu diversen Männern aus zwielichtigen Kreisen. Inwieweit sie sich ihnen verkauft, lässt sich nur vermuten. In ihrer Autobiografie freilich streitet sie jegliche sexuellen Kontakte ab. Fest steht, dass Gewalt und fehlende Zuwendung ihre jungen Jahre bestimmen.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-10-04 15:24:39
Letzte Änderung am 2018-10-05 16:58:32



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