• vom 05.10.2018, 13:00 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 05.10.2018, 13:48 Uhr

Christoph und Lollo

"Schuld ist die Dummheit der Menschen"




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Von Matthias Winterer

  • Fenchelrohkost, Bierdurchfall und Hipster. Christoph und Lollo über ihr neues Album "Mitten ins Herz".

"Um Hipster zu sein, sind wir zu alt." Christoph Drexler und Lorenz Pichler im Wiener Stadtsaal. - © Winterer

"Um Hipster zu sein, sind wir zu alt." Christoph Drexler und Lorenz Pichler im Wiener Stadtsaal. © Winterer

Wien. Christoph und Lollo wurden vor 25 Jahren mit Liedern über depressive Schispringer bekannt. Heute sind die Themen ihrer absurd lustigen Lieder breit gefächert. In ihrem neuen Album "Mitten ins Hirn" geht es um selbstausbeuterische Hipster, verlogene Boulevardzeitungen, giftige Zimmerpflanzen und Fenchelrohkost. Mit der "Wiener Zeitung" sprachen sie über verknotete Eichhörnchen auf Titelseiten, Menschen, die glauben, von einem Insektenkönig beherrscht zu werden und warum sie die Schispringerlieder auf den Nagel gehängt haben.

"Wiener Zeitung": Was ist lustiger, depressive Skispringer oder selbstausbeuterische Hipster?

Christoph: So wirklich gelacht habe ich noch über keine von beiden.

Lollo: Also ich finde beide sehr komisch. Aber "Hipster" ist ja kein Lied, dass sich hauptsächlich über Hipster lustig macht. Es geht um Menschen, die meinen, dass sie das Thema Arbeitskampf überhaupt nicht betrifft, obwohl sie sehr prekär leben.

Seid ihr selbst auch Hipster, die im Kaffeehaus teuren Matcha-Tee trinken, wie der Protagonist in eurem Lied?

Lollo: Um Hipster zu sein, sind wir zu alt.

Christoph: Wahrscheinlich verdienen wir dafür auch zu gut. Was uns auch komplett fehlt ist dieser Konsumdrang. Aber wir tragen schon beide Waldviertler-Schuhe.

Das Prekariat ist ein ungewöhnliches und komplexes Thema für ein Lied. Genauso wie die Globalisierung, die ihr vor Jahren im "Globalisierungslied" verarbeitet habt. Dauert es lange, so einen Text zu schreiben?

Lollo: Die Recherche dauert schon lange. Das Schreiben selbst eigentlich auch. Im Fall von "Hipster" war es aber einfacher, weil es eine Auftragsarbeit für das Rabenhof Theater war, wo wir es in dem Stück "Meilensteine der Philosophie" von Robert Pfaller spielten. Wenn uns jemand sagt, dass wir zu einem gewissen Thema ein Lied schreiben sollen, fällt uns das leichter. Der enge Rahmen tut uns gut.

"Globalisierungslied"

In dem Lied "Schau das doch bei Google nach" geht es um Fake-News, in "Bettelmafia" bekommen die "Kronen Zeitung", "Österreich" und "Heute" ihr Fett ab. Wie seht ihr die Medienlandschaft in Österreich?

Lollo: Ich habe nichts gegen Zeitungen, die auf der Titelseite Bikinifotos und verknotete Eichhörnchen bringen, anstatt wichtige Themen. Ich finde aber, dass der Staat so etwas nicht mit vielen Millionen Euro unterstützen sollte. Die sollen sich gefälligst selbst am freien Markt behaupten, so wie wir das tun. Ich glaub nicht, dass wir in Zeiten leben, in denen sich die Menschheit in Richtung Vernunft und Aufklärung bewegt.

Christoph: Früher haben sich die Leute darauf verlassen, dass es Journalisten gibt, die sich mit Themen beschäftigen und sie ihnen in komprimierter Form präsentieren. Dann haben sich die Menschen eine Meinung darüber gebildet. Heute interessiert das viele Menschen nicht mehr. Sie haben andere, unseriöse Quellen aus dem Internet. Das ist eine Gefahr.

Lollo: Ich finde es wichtig, Medien gegenüber kritisch zu sein. Aber der traditionelle Journalismus sollte nicht durch Quellen ersetzt werden, die vermitteln, dass die Erde hohl ist und dass wir von einem Insektenkönig beherrscht werden. Das ist keine Verbesserung der Situation.

"Bettelmafia"

Und schuld ist das Internet?

Lollo: Schuld ist die Dummheit der Menschen und jene, die diese Dummheit ausnützen. In dem Lied "Schau das doch bei Google nach" geht es ja auch nicht darum, dass Google an irgendetwas schuld wäre. Es geht um den Mechanismus, den viele Menschen entwickelt haben, einfach immer alles zu googlen. Meine Nachbarsfamilie hat letztens darüber diskutiert, ob Mandarinen zu den Feigenfrüchten gehören. Der Mann hat dann einfach den Wikipedia-Artikel umgeschrieben und ihn seiner Frau als Beweis verkauft.

Ist das Internet für euch als Musiker Segen oder Fluch?

Lollo: Es wäre natürlich ein Fehler, so zu tun, als würde das Internet nicht existieren. Man kann in ein paar Minuten ein Video machen, dass dann vielleicht wahnsinnig viele Menschen erreicht. Diese Möglichkeit hat es früher nicht gegeben.

Christoph: Schwer zu sagen, wie es ohne Internet wäre. Unsere Lieder werden kaum im Radio gespielt, also brauchen wir das Internet schon. Viele Leute stoßen auf YouTube wegen der Themen auf unsere Lieder und nicht wegen unserer Musik.

Eure Lieder werden kaum im Radio gespielt?

Lollo: Sehr selten.

Christoph: Weißt du, ob sie überhaupt noch gespielt werden?

Lollo: Nein, weiß ich nicht. FM4 spielt zu Weihnachten und Pfingsten unsere Feiertagslieder und ein oder zwei Mal im Jahr das Lied "Snowboarder". Ich kann das auch verstehen. Es sind sehr lange Lieder, thematisch völlig ungeeignet, haben keinen Refrain, man kann nicht dazu tanzen. Zur Anfangszeit von FM4, als wir oft gespielt wurden und es sich finanziell ausgezahlt hätte, bekamen wir keine Tantiemen, weil die Leute bei FM4 einfach nicht aufgeschrieben haben, was sie gespielt haben.

"Snowborder"

Könnt ihr von der Musik leben?

Lollo: Ja, seit ein paar Jahren. Wir haben noch jahrelang nebenbei gearbeitet. Das haben wir irgendwann aufgegeben. Wenn man nebenbei arbeitet, musst man oft Konzertanfragen ausschlagen. Daran scheitern auch viele.

Mittlerweile tretet ihr öfter auf Kabarett-Bühnen auf als auf klassischen Konzert-Bühnen.

Lollo: Der Kabarett-Bereich ist für uns günstiger, weil er anders funktioniert. Im Indie-Musikbereich kannst du mit jedem Album einmal in Linz im Posthof, einmal im PPC in Graz und in noch drei Buden auftreten. Dann brauchst du schon wieder ein neues Album. Wenn der Veranstalter im Kabarett-Bereich aber sieht, dass Leute zu unseren Auftritten kommen, bucht er dich immer wieder, solange es funktioniert.

Ist euer Auftritt auf der Kabarett-Bühne anders als im Club?

Lollo: Wir bemühen uns jedes Mal, uns anzupassen. Wenn die Leute stehen, wenn sie rauchen und trinken, muss man das Konzert schon anders anlegen. Wenn die Leute stehen, empfiehlt es sich zum Beispiel, zwischen den Liedern nicht zu reden.

Christoph: Die Leute werden schnell unruhig, wenn sie stehen und wir viel reden. Dann hört uns niemand mehr zu.

Lollo: Wir freuen uns auch über äußere Anlässe, die uns dazu bringen, bestimmte Lieder zu spielen. Wir traten einmal am Tag der EU-Osterweiterung auf einem Festival auf. Da haben wir das ganze Konzert ausschließlich über Schispringer aus den Erweiterungsländern gesungen. Das war wohl der Gipfel an Special-Interest-Konzert.

Wie seid ihr eigentlich vor 25 Jahren auf die absurde Idee gekommen, Lieder über depressive Schispringer mit seltsamen Namen zu schreiben?

Christoph: Wir wuchsen sehr nahe beieinander auf, kannten uns aber lange nur vom Sehen. Und dann sind wir irgendwann in dieselbe Klasse gegangen. Der Lollo hat dann eine Anzeige gelesen, dass man in einem Tonstudio in Wien gratis ein Lied aufnehmen kann. Aber da wir kein Lied hatten, musste eins her. Und so ist eher zufällig ein Skispringerlied entstanden. Wir haben eine CD geschenkt bekommen und uns eine weitere gekauft um 500 Schilling, das war 1994. Dann haben wir uns überlegt, was wir mit der CD machen könnten. Wir haben sie dann an unsere Lieblingsradiosendung – Salon Helga – geschickt. Die haben sie dann gespielt. So ist das ganze ins Rollen gekommen.

Und dann war das große Konzept "Schispringerlieder" geboren?

Lollo: Eigentlich war es Dirk Stermanns Konzept. Der meinte, wir sollen doch noch weitere lustige Lieder über Skispringer machen. Das haben wir dann drei Alben lang gemacht.

Aber wäre es nicht der größere Witz gewesen, bis ans Ende aller Tage nur noch über Schispringer zu singen?

Lollo: Das wurde diskutiert. Eine ganze CD nur mit traurigen Liedern über depressive Skispringer zu machen ist lustig, eine zweite ist vielleicht auch noch lustig, aber ab der dritten ist es dann schon ein bisschen fad. Auch für uns selbst.

"Lebkuchenherz"

Manchmal spielt ihr ein ganzes Konzert, ohne ein einziges Skispringerlied zu spielen.

Lollo: Das ist oft so in letzter Zeit. Aber wir haben auch wirklich viele andere Lieder mittlerweile.

Habt ihr musikalische Vorbilder?

Christoph: Ich bin überhaupt wenig beeinflusst von Musik, weil ich so wenig Musik gehört habe. Zum Beispiel Punk. Das habe ich überhaupt nicht mitbekommen.

Lollo: Wir fanden beide die Ärzte gut. Wir haben die Ärzte in der Zeit kennengelernt, in der sie gerade aufgelöst waren. Also vor dem großen Comeback. Mir fallen immer wieder Lieder ein aus der Frühphase der Ärzte, die einfach super sind, Riesenhits. Auch diese Scheiß-drauf-Attitüde fand ich gut. Zu sagen, wir machen jetzt ein Lied über Astronauten, oder über Popel, oder ein ganzes Album über Haare. Die Ärzte haben uns sicher beeinflusst. Und der alte Austropop – also Danzer und Ambros. Ansonsten brauche ich, außer den Beatles und Led Zeppelin, keine Musik - sehr konservativ.

Eure Themenpalette ist breit gefächert. In dem Lied "Seit ich ein Kind hab" geht es um das Leben mit Kindern. Viele Eltern schwärmen über das Lied, weil es den Nagel so genau auf den Kopf trifft. Habt ihr Kinder?

Lollo: Ja, wir haben Kinder. Aber ich finde, wir sollten langsam anfangen, bei Interviews immer etwas anderes zu erzählen, damit uns nicht langweilig wird. Also nein, wir sind beide unfruchtbar.

Christoph: Wir werden ja eh nicht so oft interviewt.





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Dokument erstellt am 2018-10-05 12:34:50
Letzte Änderung am 2018-10-05 13:48:24



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