• vom 04.01.2018, 13:24 Uhr

Recht

Update: 05.01.2018, 14:29 Uhr

Rechtskommentar

Gewaltschutz als gesellschaftliche Herausforderung




  • Artikel
  • Kommentare (3)
  • Lesenswert (6)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Gertrude Brinek

  • Gastkommentar: Vor 20 Jahren trat das Gewaltschutzgesetz in Kraft. Zum gesamten Bereich der Gewalt in Österreich gibt es aber noch immer zu wenig Forschung - gleichzeitig kommen neue Ausprägungen dazu.







Gewalt geschieht in allen Lebenslagen und -bereichen: im sozialen Umfeld, auf dem Arbeitsplatz, im öffentlichen Raum, in Pflegeheimen, Schulen, Gefängnissen. Die meisten Gewaltopfer sind weiblich; eine von fünf Frauen erfährt in ihrem Leben Gewalt, sehr oft sehr nachhaltig.

Die Leidtragenden kommen aus allen sozialen Schichten. Besonders betroffen sind vor allem ältere, pflegebedürftige, auf der Flucht befindliche und in Armut lebende Frauen sowie solche mit körperlichen und kognitiven Einschränkungen. Von neueren Gewalt-Ausprägungen sind auch junge Frauen betroffen.

Information

Gertrude Brinek ist derzeit Vorsitzende der Volksanwaltschaft und auf Bundesebene unter anderem für Steuern und die Verfahrensdauer bei Gerichten und Staatsanwaltschaften zuständig. Auf Landesebene prüft sie die Gemeindeverwaltungen und alle kommunalen Angelegenheiten sowie die Friedhofsverwaltung.

Volksanwaltschaft/Postl, "Eine von fünf
": Die 224 Seiten umfassende Publikation der Volksanwaltschaft von Andrea Berzlanovich, Gertrude Brinek und Maria Rösslhumer (Hrsg.) befasst sich mit dem Gewaltschutz für Frauen in allen Lebenslagen. Edition Ausblick, Wien - Saarbrücken, 2017. 19,90 Euro.

Gesundheitssystem und Polizei leisten zumeist Erste Hilfe und fungieren als helfende wesentliche Unterbrecher der Gewaltspirale. Den Gerichten kommt im Zusammenspiel mit der Polizei - auch 20 Jahre nach Inkrafttreten des Gewaltschutzgesetzes - eine besondere Funktion und Aufgabe zu. Aus der Praxis besehen dürfen das Gesetz und die damit entfaltete Wirkung durchaus als gelungenes, modernes und effektives Beispiel bezeichnet werden. Betretungsverbot, Wegweisung und einstweilige Verfügung haben nach Gewaltmeldungen viel an Folgegewalt verhindert. Dennoch ist damit nicht der Weisheit letzter Schluss erreicht.



Viele Frauen leben in einer Subkultur ständiger Gewalt

Bedauerlicherweise gibt es zum gesamten Bereich der Gewalt in Österreich zu wenig Forschung. "Gewalt gegen Frauen ist die größte Ungerechtigkeit (in einem modernen Staatswesen), die mehr Aufmerksamkeit verdient", schreibt Sora-Chef Günther Ogris im Sammelband der Volksanwaltschaft "Eine von fünf". Diese Aufmerksamkeit spiegelt sich in vielen Ländern in einer soliden Erforschung des Problems, in einer regelmäßigen Berichtslegung bezüglich Opferzahlen und Täterlagen wider. Österreich bezieht ein einigermaßen brauchbares Datenmaterial nur aus einer gemeinsamen europäischen Untersuchung und Ergebnissen der Fundamantal Rights Agency. Viele Rand- und Nebenthemen werden ausgiebiger untersucht als Gewalt in unserer Gesellschaft, resümiert Ogris. Weil es ohnedies lieber niemand so genau wissen will . . .

Pro Jahr erleiden sieben Prozent der Frauen in Europa körperliche Gewalt, das sind etwa 13 Millionen. In Österreich sind drei Prozent der Frauen betroffen, also 110.000 Frauen jedes Jahr. Sie werden gestoßen, mit der Hand oder Faust geschlagen, mit einem harten Gegenstand beworfen, gepackt, an den Haaren gezogen, stranguliert, mit einem Messer verletzt, es werden ihnen Verbrennungen zugefügt. 2013 wurden im Bereich aller Straftaten gegen Leib und Leben etwa 7000 Mal Verurteilungen ausgesprochen. 60.000 Frauen machen jährlich in Österreich Erfahrungen mit sexueller Gewalt. Viele Frauen leben in einer Subkultur beziehungsweise in einem Klima der ständigen körperlichen, sexuellen und psychischen Gewalt. Insgesamt gibt es eine hohe Diskrepanz zwischen Prävalenz, Anzeigen und Verurteilungen.




weiterlesen auf Seite 2 von 2




3 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-01-04 13:29:12
Letzte Änderung am 2018-01-05 14:29:10


Werbung




Werbung